Das musst du wissen

  • Die Schweiz spielt eine wichtige Rolle im Kupferhandel – allerdings nicht als Käuferin, sondern als Zwischenhändlerin.
  • 50 Prozent des sambischen Kupfers werden in die Schweiz exportiert – jedoch nur auf dem Papier.
  • Das sambische Kupfer wird über Schweizer Firmen direkt an die Rohstoffkonsumenten geliefert. Die Schweiz vermittelt.

Die Schweiz ist momentan das grösste Rohstoffhandelszentrum der Welt und Hauptabnehmerin für Kupfer weltweit. Die Rohstoffhandelsfirmen in der Schweiz kümmern sich dabei neben dem Kaufen und Verkaufen auch um logistische Fragen, wie die Lagerung, Verschiffung und Überwachung der Ware. «Diese Unternehmen investieren nicht in den Bergbau selbst, was teuer ist und langzeitige Vereinbarungen voraussetzt. Sie investieren in die Dienstleistungen, die mit dem Bergbau zu tun haben, was sich als flexibler, weniger riskant und profitabler erweist», schreiben Stefan Leins, Rita Kesselring und Yvan Schulz in ihrem Working Paper «Valueworks». Diese vermittelnde Position bringt der Schweiz grossen Profit ein.

An der Ware selbst sind die Schweizer Handelsfirmen nicht interessiert, der Rohstoff, mit dem gehandelt wird, ist ersetzbar, sein materieller Wert irrelevant. Von grosser Bedeutung ist sein finanzieller Wert, der an Aktien gebunden ist. Der Rohstoffhandel wurde «finanzialisiert». Das heisst, Finanzinstrumente spielen bei der Bestimmung der Rohstoffpreise eine entscheidende Rolle. «Die Rohstoffmärkte hängen offenbar stärker von den Erwartungen über den Handel mit derivativen Instrumenten ab, als von der Rohstoffnachfrage aus der Realwirtschaft», halten Leins, Kesselring und Schulz in ihrem Paper fest.

Diese Finanzialisierung des Rohstoffhandels erlaubt es Zwischenhändlern grosse Profite zu erzielen, doch sie wirkt sich teilweise stark negativ auf die Menschen in den Bergbaustädten aus – auch in Sambia.

Die Kehrseite der Medaille

In einer Studie zeigte zum Beispiel Hanna Haile auf, wie sehr sich die schwankenden Kupferpreise auf die Menschen im sambischen Kupfergürtel auswirken. Dazu gehören negative Einflüsse auf Gesundheit und Umwelt, Vertreibung oder Verlust der Lebensgrundlage, prekäre Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit.

Ein weiteres Problem stellt die fragile Ökonomie Sambias dar, die ganz auf den Kupferabbau ausgerichtet ist. Diese Abhängigkeit von einem einzelnen Rohstoff macht Sambia erpressbar; so gab es in den letzten Jahren immer wieder Streitigkeiten bezüglich der Stromtarife, die von den Minenbesitzern bezahlt werden müssen. Die Regierung hat mehrmals versucht die Tarife zu erhöhen, worauf die Bergbaufirmen mit einer Einstellung des Betriebs gedroht haben. Eine Stilllegung der Betriebe hätte Arbeitslosigkeit und Hunger für einen Grossteil der sambischen Bevölkerung zur Folge. Die Tariferhöhungen, die die Regierung unter diesen Bedingungen erzielen konnte, fielen dementsprechend gering aus.

Minenbesitzer gibt es auch in der Schweiz: Glencore, eine Rohstoffhandelsfirma, besitzt Kupferminen in Sambia. 2017 waren auch Glencores Mopani-Kupferminen in einen solchen Konflikt bezüglich der Stromversorgung verwickelt.

Für solche Firmen gilt die Schweiz als attraktives Domizil. Die wichtigsten Pull-Faktoren sind die niedrigen Steuern, die politische Neutralität und früher das Schweizer Bankgeheimnis. Ausschlaggebend ist vor allem der erste Punkt. Die Schweiz erlaubt sehr aggressive Buchhaltungsstrategien, die oft als «Steueroptimierungen» bezeichnet werden, in Tat und Wahrheit jedoch Steuerhinterziehung begünstigen. Zum Beispiel Verrechnungspreise, bei denen Unternehmen durch Buchhaltungspraktiken Gewinne in die Schweiz verlagern – wo niedrige Steuern bezahlt werden müssen. Steuern, die sonst in rohstoffreichen Ländern wie Sambia bezahlt werden würden.

Auf diese Weise entstehen gravierende Unterschiede zwischen den Ländern, die Rohstoffe produzieren, und Ländern, die Rohstoffhandel betreiben. Die Risiken und Gewinne, die die Schweiz und Sambia im Verlauf der Handelskette in Kauf nehmen, sind ungleichmässig verteilt. Insofern trägt der transnationale Rohstoffhandel massiv zu finanzieller und sozialer Ungerechtigkeit bei und die Schweiz spielt in diesem Stück keinesfalls nur eine Nebenrolle.

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Massnahmen: Hier und in Sambia

Wie könnten nun Massnahmen aussehen? Kesselring, Leins und Schulz geben in ihrem Paper konkrete Vorschläge: Nach dem Vorbild der Finanzmarktaufsicht (Finma) könnte eine zentrale Marktbehörde, die verlässliche Daten sammelt und die Aktivitäten der Händler überwacht, zu einer besseren Transparenz des Rohstoffsektors beitragen. So könnte sichergestellt werden, dass die Geschäfte legal und ethisch vertretbar bleiben.

Vor allem sollten die gesammelten Daten jedoch genutzt werden, um neue, allgemeingültige Richtlinien und Standards zu erarbeiten. Diese sollen garantieren, dass die Arbeitsbedingungen und die Gewinnverteilung entlang der Handelskette nicht nur «legal» und «ethisch vertretbar», sondern auch «gerecht» sind.

Doch nicht nur die Transparenz gegenüber Schweizer, sondern auch die gegenüber sambischen Behörden sollte erhöht werden. In einer globalisierten Welt, die von Vernetzung und Abhängigkeit geprägt ist, ist es umso wichtiger, dass innerhalb dieses Netzwerkes kommuniziert und kooperiert wird. Transnationaler Handel verlangt transnationale Überwachungsorganisationen, die den rohstoffproduzierenden Ländern eine Plattform bieten können, um ihre Bedürfnisse mitzuteilen und für ihre Rechte einzustehen.

Eine solche Art der globalen Zusammenarbeit könnte helfen Menschenrechtsverletzungen zu erkennen, Umweltprobleme anzusprechen und schliesslich faire und symmetrische Handelsbeziehungen zu fördern. Das Problem der Armut liegt nicht, wie oft behauptet wird, ausschliesslich an einer mangelnden Kompetenz der rohstoffproduzierenden Länder. Es liegt daran, dass diejenigen, die von ungleichen Handelsbedingungen profitieren, nicht daran interessiert sind, ihre Partner zu einer fairen Diskussion einzuladen.

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Sklaven, Gold & Starbucks: Lokale Lebensweisen und globale Verflechtungen» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

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