Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Vielleicht begreift man die Zahl besser, wenn man sie ausschreibt: Zweitausendvierhundertneunundsechzig.

2469 Meter über Meer, das ist ungefähr die Gipfelhöhe von Niesen, Säntis oder Vanil Noir. Und auf dieser Höhe betrieben die Augustinermönche am Grossen St. Bernhard eine Herberge. Seit 1050 – im Sommer wie im Winter. Dieser dauert auf dem Pass ungefähr von September bis Mai. Um besser durch den Schnee zu kommen, setzten die Mönche und ihre Bergführer seit dem 17. Jahrhundert Hunde ein. Einer von ihnen war Barry.

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Barry wurde 1800 geboren. Er tobte durch den Schnee, schnüffelte an Blumen, an Murmeltierdung und natürlich an allem, was ihm zu fressen vor die Nase kam. Er schritt mit den Bergführern die Wege ab und spürte nach Vermissten. Immer wieder gab es Schneestürme und Lawinen, der am Pass gelegene Mont Mort trägt seinen Namen nicht von ungefähr. Barry könnte an der Rettung von bis zu vierzig Personen beteiligt gewesen sein, jedenfalls galt er schon zu Lebzeiten als aussergewöhnlicher Hund. 1812 kam er nach Bern, wo er 1814 starb – und damit begann seine eigentliche Karriere.

Das Tier wurde konserviert, ausgestellt und zum Gegenstand von Gerüchten. Barry habe ein erschöpftes Kind auf dem Rücken getragen. Er habe Verschütteten zu essen und zu trinken gebracht. Ein von ihm geretteter französischer Soldat habe ihn für einen Wolf gehalten und mit dem Bajonett erstochen. Ein Heldentod für den Heldenhund. Auf dem Pariser Cimetière des Chiens wurde ein Barry-Denkmal errichtet. Und 1884 wurde der Bernhardiner zum «Schweizer Nationalhund» erkoren.

paulfrecker.com

Der ausgestopfte Rettungshund Barry vor der Restaurierung 1923.

Barrys Mythos wurde so gross, dass sich die Realität anpassen musste. 1923 erhielt das ausgestopfte Tier längere Beine, einen grösseren Kopf, eine stolzere Haltung sowie irgendwann auch ein Schnapsfass (das er mit Sicherheit nie trug). Auch seine Nachfahren veränderten sich, oder besser gesagt: sie wechselten ins Showbiz. Sie bekamen ein schöneres Fell, gesundheitliche Probleme und wurden mehr als doppelt so schwer wie der alte Barry. Heute dienen die Tiere vor allem als Plüschtiervorlage und Fotosujet. Für die Arbeit im Schnee hingegen sind die heutigen Bernhardiner völlig ungeeignet.

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