Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

In der Adresszeile stand http://info.cern.ch und darunter eine etwas umständlich formulierte Definition des World Wide Web. Es folgte weiterer Text – grüne eckige Buchstaben auf pechschwarzem Hintergrund, mit sporadischen [Zahlen] in eckigen Klammern. Wer eine der Zahlen eingab, landete auf anderen Bereichen derselben Seite. Logisch, denn info.cern.ch war die erste Website überhaupt. In dem Moment war sie das Web. Hier ist eine Simulation der Original-Website.

Das CERN war seiner Zeit schon immer voraus gewesen. Es wurde von elf Staaten getragen und sogar Forscher aus dem Ostblock waren am CERN willkommen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire beschäftigten sich mit Materie und Antimaterie, mit dem Ursprung und Aufbau des Universums, mit Elementarteilchen und tausend Dingen mehr. Sie revolutionierten die Physik, wurden mehrfach mit Nobelpreisen ausgezeichnet, aber nichts was in Meyrin geschah, erreichte so direkt so viele Menschen, wie die Erfindung von Tim Berners Lee.

Der Londoner beschäftigte sich nebst seiner physikalischen Forschung mit Computern und Software. 1989 stellte er ein Konzept vor, wie die Forschungsgemeinde ihr Wissen teilen, Dokumente austauschen und Ideen diskutieren könnte. Ende 1990 erstellte er seine Website und teilte sie mit den Leuten des CERN, Anfang 1991 liess er auch Menschen von ausserhalb darauf zugreifen. Als Server diente Lees persönlicher NeXT-Computer, als Browser ein Programm, das er selbst geschrieben hatte. Noch im selben Jahr ging der erste Server ausserhalb Europas online.

Das Entscheidende ereignete sich aber 1993: Berners Lee und das CERN beschlossen, den Quellencode öffentlich zu machen. Damit ging die Entwicklung des Internets auf Warp-Antrieb. Immer neue Programme machten Navigation, Datentransfer und Website-Erstellung schneller und einfacher. Das kam auch dem CERN zugute. Seit 2004 verschickt es Daten aus dem in den 1980er-Jahren erbauten «Large Hadron Collider» – einem unter Frankreich und der Schweiz gelegenen 27 Kilometer langen Ringtunnel, in dem Teilchen-Experimente gemacht werden – an Computer weltweit zur Auswertung. LHC@home heisst das Projekt, bei dem Daten des CERN zur Auswertung an private Computer in aller Welt verschickt werden.
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Das Internet dürfte darum wohl auch ein wenig an der Entdeckung des Higgs-Teilchens 2012 beteiligt gewesen sein. Warum die Präsentation der Ergebnisse in der Kindergeburstagseinladungs-Schrift «Comic Sans» erfolgte, ist allerdings so unergründlich wie das All.

PS: Rechenpower des eigenen PCs der Wissenschaft zur Verfügung stellen ist ziemlich einfach. Zur Unterstützung des CERN kann man beispielsweise LHC@home beitreten. Wer den eigenen Compi lieber Aliens suchen lässt tritt SETI@home bei. Und wer lieber die Krebsforschung oder sonst eine gute Sache unterstützt, hat hier eine breite Auswahl.

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