Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Andeer, Zuoz, Lavin: Vielerorts im Kanton Graubünden läuteten die Kirchenglocken. Denn etwas Einzigartiges war gerade geschehen: die Schweiz hatte eine vierte Landessprache erhalten. Über 90% der Stimmenden hatten den Rätoromanen den Rücken gestärkt. Im entfernten Genf gar 99%! Nur: War es tatsächlich um die Rätoromanen gegangen?

Etwas braute sich in den 1930er-Jahren zusammen. Braune Wolken zogen über Deutschland auf, schwarze über Italien. Und die italienischen Faschisten, die Schwarzhemden, waren die eigentlichen Adressaten des wuchtigen Jas zu einer Sprache, die noch wenig zuvor als veraltet betrachtet worden war. Denn von Süden tönte es ähnlich wie von Norden: italophone Gebiete ausserhalb Italiens müssten ins Land zurückgeführt werden – und Rumantsch sei bloss ein lombardischer Dialekt.

Vom Nebelspalter bis zur Schweizer Illustrierten, von Radio Beromünster bis zum Bundesrat: plötzlich hatte das Rätoromanische viele Freunde. Der gemischte Chor von Samedan ging auf Tournee – stets in Tracht und von der SBB mit verbilligten Tickets beschenkt. Das Ergebnis vom 20. Februar 1938 war nicht nur ein wuchtiges Ja zum Romanischen, sondern auch ein kräftiges Nein gegen den Faschismus.

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Schon in der Vergangenheit hatten die Rätoromanen wiederholt versucht, mehr Anerkennung für ihre Sprache zu erhalten – doch die Sympathien für die störrisch an ihrer Eigenart festhaltenden Bergler hielten sich in anderen Landesteilen in Grenzen. Vor dem Hintergrund des Aufsteigenden Faschismus allerdings wollten offenbar alle Schweizer störrische Bergler sein, die an ihrer Eigenart festhielten. Den Rätoromanen bot sich damit eine historische Chance – und sie nutzten sie.

Es ist keine besonders gewagte Spekulation, zu behaupten, dass das Rätoromanische ohne die Abstimmung von 1938 heute praktisch verschwunden wäre.

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