Das musst du wissen

  • Die Wirkung von Wildnis auf Menschen ist noch wenig erforscht.
  • Im Nationalpark Schwarzwald untersuchen Psychologen, was es genau braucht, damit wir die Natur als wild empfinden.
  • Nach diesen Kriterien können zum Beispiel Pfade durch den Park besser gestaltet werden.

In Nationalpärken sollen Tiere und Pflanzen ungestört gedeihen. Menschen sind nur als Beobachter zugelassen. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die auf die Regeln pfeifen und zum Beispiel ihren Wanderpfad verlassen, um verbotenerweise in die unberührte, wilde Natur fernab des Weges einzutauchen. Wodurch diese Natur zwangsläufig nicht unberührt bleibt. Mit diesem Problem müssen sich Nationalpärke und vergleichbare Einrichtungen grundsätzlich auseinandersetzen: Einerseits sollen sie die Natur schützen, indem sie einen Rückzugsort für seltene Tiere und Pflanzen bieten und menschliches Eingreifen ausschliessen. Andererseits sind sie auch eine Touristenattraktion und müssen Bedürfnisse der Bevölkerung nach Naturerlebnissen und Naherholung und eben ein bisschen Wildnis erfüllen.

Dieses Dilemma zwischen Naturschutz und Nutzungsdruck kennt auch der Nationalpark Schwarzwald. Gelegen inmitten eines dicht besiedelten Gebiets, circa zwei bis drei Autostunden von der Schweizer Grenze entfernt, dient das Parkgebiet als Erholungsraum für die Bewohner der umliegenden Orte. Damit tun sich die Besucher etwas Gutes. Was viele intuitiv ohnehin längst wussten, gilt mittlerweile dank zahlreicher Studien als wissenschaftlich belegt: Naturaufenthalte haben eine positive Wirkung auf Körper, Psyche und Geist.

Die Magie der Wildnis

Der Nationalpark Schwarzwald will allerdings noch genauer wissen, wie der Park auf seine Besucher wirkt. «Natur verspricht nicht per se Erholung. Insbesondere die Wirkung von Wildnis, also wilder Natur, ist noch eher wenig erforscht», sagt der Umweltpsychologe Eike von Lindern vom privaten Forschungsinstitut Dialog N. Im Auftrag des Nationalparks untersucht er deshalb, welches Mass an Wildnis die Parkbesucher erleben und wie sich dieses auf Erholung und Wohlbefinden auswirkt. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts können dem Park später von ganz konkretem Nutzen sein. Denn mit einem besseren Verständnis für das Wildnis-Erleben könnten zum Beispiel Wanderwege so gestaltet werden, dass das Bedürfnis der Besucher nach wilder Natur bereits derart befriedigt wird, dass sie die Wege gar nicht erst verlassen wollen.

Zusammen mit seiner Kollegin Susanne Blech hat der Umweltpsychologe von Lindern während einer fünftägigen Feldforschungsphase letzten Oktober Daten zum Erleben von Wildnis erhoben.

Nationalpark Schwarzwald
Eike von Lindern
Das ist er – der Nationalpark Schwarzwald!
Karte des Nationalparks
Created with Datawrapper © OpenStreetMap
Sein Schutzgebiet liegt im deutschen Bundesland Baden-Württemberg und erstreckt sich über 10 000 Hektar Land.
Nebel über Fluss
Kolb/Nationalpark Schwarzwald
Mit dem Slogan «Eine Spur wilder» wirbt der Park um Besucher.
Ein Wanderer
Eike von Lindern
Doch welches Mass an Wildnis erleben die Besucher tatsächlich, wenn sie durch das Schutzgebiet wandern?
Eike von Lindern mit Susanne Blech
Susanne Blech
Um das herauszufinden, schickte der Umweltpsychologe Eike von Lindern Studierende der Universität Landau und der Hochschule Darmstadt auf verschiedene Wanderwege.
Frau schreibt etwas auf
Susanne Blech
Auf ihren Wanderungen mussten sie auf Fragebögen bewerten, wie wild die Natur im Park auf sie wirkt.
GPS-Geräte und Herzfrequenzmesser
Eike von Lindern
Ausserdem trug jede der 15 Testpersonen ein GPS-Gerät und einen Herzfrequenzmesser.
Frau schaut auf GPS-Gerät
Susanne Blech
Die GPS-Geräte halfen ihnen, sich im Gelände zu orientieren und ermöglichen später, die Wanderroute exakt zu rekonstruieren.
Frau mit GPS-Gerät
Susanne Blech
Die Herzfrequenzangaben sollen Aufschluss geben über Anspannung oder Entspannung an bestimmten Punkten in der Landschaft.
Drei Teilnehmer
Susanne Blech
Damit die Bewertung des Wildnis-Erlebens nicht durch den Einfluss anderer Teilnehmer beeinflusst wurde ...
Person ist alleine unterwegs
Eike von Lindern
... musste jeder alleine wandern.
Person hinter Baumstamm
zVg von Eike von Lindern
Alle bekamen zudem die strikte Anweisung, andere Personen, denen sie begegneten, zu ignorieren.
Susanne bereitet GPS-Geräte vor
Eike von Lindern
Von Lindern leitet das Projekt zusammen mit der Umweltwissenschaftlerin Susanne Blech, die hier gerade die GPS-Geräte vorbereitet.

Um überhaupt messen zu können, wie wild die Testpersonen die Landschaft erlebten, erstellten von Lindern und sein Team einen speziellen Fragebogen. Dabei ging es den Forschern nicht darum, zu erfassen, ob es sich um wilde Natur handelt, so wie Biologen sie definieren. Denn nach streng ökologischen Kriterien gibt es in Europa kaum mehr Wildnis. «Trotzdem können die Leute Natur aber als wild empfinden», erklärt der Umweltpsychologe. Um dies zu messen, definierten die Forscher verschiedene Kriterien für Wildnis, wie zum Beispiel eine naturnahe Landschaft, eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, ein raues, unwegsames Gelände oder wenig Infrastruktur und Spuren menschlichen Eingreifens. Auf Basis dieser Auffassung von Wildnis erstellten die Forscher einen Katalog aus Fragen, die das individuelle Wahrnehmen und Erleben von Wildnis ermitteln. Diesen ergänzten sie mit weiteren Fragen, zum Beispiel nach dem Erholungszustand der Probanden, um so das Besuchererlebnis möglichst genau zu erfassen.

In diesem Video erklärt der Umweltpsychologe Eike von Lindern, wie er und sein Team Wildnis definiert haben und wie sie auf diese Definitionskriterien gekommen sind, anhand derer sie den Fragebogen zur Messung des Wildnis-Erlebens erstellten.

Ausgerüstet mit eben jenem Fragebogen, einem GPS-Gerät und einem Brustgurt zur Herzfrequenzmessung wanderten die 15 Studenten, die an der Studie teilnahmen, anschliessend durch den Nationalpark. Ihr Auftrag: An 24 im GPS-Gerät gespeicherten Punkten anhalten, die Umgebung fünf Minuten auf sich wirken lassen und anschliessend den Fragebogen zum Wildnis-Erleben beantworten. Die Messung der Herzfrequenz diente später als ein objektives Mass dafür, wie gestresst und angespannt eine Person war, als sie einen Punkt auf dem Weg beurteilte. Denn mit Hilfe der Herzfrequenzdaten konnten die Forscher einen Wert für den physiologischen Stress ermitteln.

Von Lindern und sein Team wollten aber nicht nur wissen, wie die Wandervögel die im Vorfeld definierten Wegpunkte erleben. «Wir wollten auch herausfinden, welche Dinge und Eigenschaften die Leute als förderlich oder hinderlich für das Eintauchen in die Wildnis empfinden», sagt der Umweltpsychologe. Deshalb schickte er die Studienteilnehmer auf einen weiteren Rundwanderweg. Diesmal lautete der Auftrag, jene Stellen mittels GPS-Gerät zu markieren, die sie persönlich als besonders fördernd – also positiv – oder als besonders störend – also negativ – für das Eintauchen in die Wildnis empfanden. Gleichzeitig mussten sie ein Foto der Stelle machen und einige Fragen beantworten.



Diese Karte zeigt die Stellen auf dem Wanderweg, die eine der Testpersonen als besonders förderlich oder hinderlich empfand, um die Umgebung als Wildnis zu erleben. Wer über die Punkte fährt, sieht ein Foto und wie die Person die Stelle bewertet hat. An den violetten markierten Punkten fühlte sie sich in ihrem Wildnis-Erleben gestört. An den blau markierten Punkten konnte sie hingegen richtig gut in die Wildnis eintauchen.

GPS-Koordinaten, Landschaftsfotos, Herzschläge pro Minute und unzählige Antworten aus eifrig ausgefüllten Fragebögen: Die Daten, die Von Lindern und sein Team während der Feldphase vorigen Oktober gesammelt haben, hat der Umweltpsychologe inzwischen genau studiert. Seine Auswertungen zeigen, dass die auf den Wanderwegen erlebte Wildnis den Studienteilnehmern tatsächlich gut getan hat. Denn je wilder sie die Natur bewerteten, desto weniger physiologischen Stress erlebten sie, und desto mehr Erholung und emotionales Wohlbefinden berichteten sie. Ob diese wahrgenommene Wildnishaftigkeit und das Erholungserleben aber auch kausal zusammenhängen, liesse sich mit den vorliegenden Daten nicht ermitteln, beurteilt von Lindern die Resultate. «Ich nehme aber an, dass mehr Wildnis wirklich mehr Entspannung bereitet – es aber ein schmaler Grat ist, weil eine als zu wild erlebte Natur, auch schnell Stress und Angst hervorrufen kann.»

Die Wildnis planen

Die Ergebnisse liefern dem Nationalpark auch ganz konkrete Hinweise für die Parkgestaltung. So zeigte sich etwa, dass alle drei untersuchten Wanderwege insgesamt betrachtet zwar ein mittleres Mass an Wildnis bieten, die Studienteilnehmer an manchen Stellen aber zu wenig davon erlebten – es also durchaus Luft nach oben gäbe. Mit Hilfe der Fotos und den Bewertungen hat der Umweltpsychologe zudem jene Elemente identifiziert, die bei den Probanden das Eintauchen in die Wildnis verhinderten. Zu den auf diese Weise ermittelten No-Gos zählen zum Beispiel stark geebnete und gekieste Wege, Anzeichen von Land- und Forstwirtschaft oder zu viel Infrastruktur, wie etwa Steighilfen oder angelegte Stufen. Auf der anderen Seite lassen sich anhand dieser Bewertungen auch die Hotspots für ein perfektes Wildnis-Erleben ermitteln. Zum Beispiel hat sich ein Wegstück durch einen über 100 Jahre alten Bannwald als Spitzenreiter für das Erleben von Wildnis gezeigt, so dass dieser Abschnitt dem Nationalpark nun als Vorbild für die Planung anderer Wanderwege dienen kann.

Vorbild für die Schweiz

Astrid Wallner, Projektleiterin Parkforschung bei der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), die im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) die Schweizer Pärke im Bereich Forschung unterstützt, kann sich vorstellen, dass solche Studien auch in Schweizer Pärken durchgeführt werden. «Grundsätzlich finde ich es sinnvoll, sich auf die Menschen zu konzentrieren und zu schauen, wie diese den Park erleben. Wo empfinden sie Wildnis? Und warum genau dort?» Insbesondere spannend wäre es herauszufinden, ob es zwischen den Tagestouristen und der ansässigen Lokalbevölkerung Unterschiede gibt, welche Natur sie als wild erleben, sagt Wallner. «Das Wissen darüber, ob und wie sich das Wildnisempfinden verschiedener Besuchergruppen unterscheidet, könnte man für die Besucherlenkung nutzen.»

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