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Philip Aerni, in Ihrem Buch erzählen Sie von einer Näherin, die in der Fabrik eines internationalen Grosskonzerns zu einem Hungerlohn arbeitet. Wo die meisten «Ausbeutung!» schreien möchten, sehen Sie etwas Positives. Warum?
Es geht um eine Näherin in Äthiopien, die erklärt, warum für sie der Job die Chance für ein selbstbestimmtes Leben ist. Sie fühlt sich nicht als Opfer, denn sie fragt sich: Was wäre mein Schicksal, wenn diese Textilfirma nicht hier wäre?

Philipp Aerni

Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit.


Philipp Aerni ist Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich. In seinem Buch «Global Business in Local Culture» kritisiert er die Entwicklungshilfe der Schweiz.

Was wäre das Schicksal?
In ihrem Dorf werden die Mädchen im Alter von dreizehn Jahren zwangsverheiratet. Für den Rest ihres Lebens hätte sie dann keine Entscheidungsfreiheit mehr gehabt. Und keine Arbeit. Sie hätte Kinder geboren, die ständig der Gefahr der Unterernährung ausgesetzt gewesen und wohl früh gestorben wären.

Ist harte Arbeit für 30 Euro im Monat wirklich das bessere Schicksal?
Natürlich hat die Frau einen schlechten Lohn. Dennoch kann sie etwa einen Drittel davon sparen. Damit will sie sich irgendwann eine eigene Nähmaschine kaufen und sich selbständig machen. Sie ist dann Unternehmerin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Wir Schweizer sehen die Menschen in Entwicklungsländern immer als Opfer, die unsere Hilfe brauchen. Aber das stimmt nicht. Sie wollen selbstbestimmt sein.

Trotzdem: Die Arbeitsbedingungen sind nicht gut. Und wenn eine Frau krank wird oder schwanger, wird sie doch einfach ausgetauscht.
Eben nicht. Der lokale Manager hat natürlich Vorgaben, dass er gewisse Produktionskosten nicht überschreiten darf. Doch zugleich weiss er, dass gut ausgebildete und gesunde Näherinnen sein Kapital sind. Wenn er die Frauen gut behandelt, werden sie weniger krank, bleiben länger und werden ständig besser.

Ihre Frau ist Äthiopierin. Wie hat das Ihre Sicht auf die Verhältnisse beeinflusst?
Ich sehe vieles aus einer lokalen Perspektive. Die Vermischung der lokalen Kultur mit der globalen Wirtschaft erlebe ich sehr anschaulich bei meiner äthiopischen Schwiegermutter: Sie hat viele politische und wirtschaftliche Krisen überleben müssen. Dennoch hat sie ihre Würde und ihren Stolz bewahrt und hält an den Traditionen des äthiopischen Christentums fest. Das hindert sie nicht, einem wichtigen Gast zu Ehren ein Coca Cola zu servieren. Unsere Vorstellung einer Reinkultur, unberührt von der Globalisierung, ist eine Illusion. Kultur ist immer auch ein Produkt des Austausches. Die Leute wollen nämlich keine Museumsobjekte sein.

Meine Frau ist in einem traditionellen Umfeld aufgewachsen, dennoch hatte die Bildung einen hohen Stellenwert. Sie erhielt dann auch ein Stipendium, um Architektur zu studieren. Kennengelernt habe ich sie als die ETH Zürich eine Zusammenarbeit mit ihrem Institut in Addis Abeba aufbaute. Heute regt sie sich oft auf, wenn ihr Schweizer erklären wollen, was ihr Land alles falsch mache, ohne den Hintergrund zu verstehen.

Sie reden von einer «Infantilisierung des Diskurses», wenn es um Entwicklungshilfe geht. Was meinen Sie damit?
In der Schweiz pflegen wir ein sehr plakatives Bild der Welt: Lokale Kultur gilt als authentisch, schützenswert und gut. Globales Business hingegen kann nicht anders sein als schlecht. Aber so einfach ist das nicht. In der lokalen Kultur findet man immer die globale Wirtschaft, egal wo man hinschaut.

Wenn globale Konzerne nicht unbedingt schlecht sein müssen für die Entwicklungsländer, was finden Sie zum Beispiel Gutes am Rohstoffgiganten Glencore?
Alle Unternehmen wollen Gewinn erwirtschaften. Die Frage ist, was sie damit machen. Investieren sie in die Zukunft, indem sie Innovation schaffen? Verfolgt eine Firma langfristige oder kurzfristige Interessen? Ein Unternehmen muss sich bewusst sein, dass es auch seine eigene Zukunft nur sicherstellen kann, wenn es Verantwortung gegenüber der lokalen Gesellschaft und Umwelt übernimmt. Die Erfahrung, die ich diesbezüglich mit Glencore 2007 in Sambia gemacht habe, ist ernüchternd: In der Handelsstatistik Schweiz-Sambia erscheint Glencore wie eine Offshore-Insel: 95 Prozent des Handels zwischen den beiden Ländern war Handel innerhalb von Glencore selbst. Mit der sambianischen Wirtschaft hat das wenig zu tun. Langfristig kann sich das rächen.

Welche Firmen sind denn die Guten?
Bata Shoes zum Beispiel. Schon in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand Bata, dass Afrika ein guter Markt für Schuhe wäre – da ja dort die meisten noch barfuss herumliefen. Bata baute in mehreren afrikanischen Länder Produktionsstätten und ganze Städte für ihre Arbeitnehmer auf. Der Konzern kaufte Materialien lokal ein, anstatt sie aus anderen Kontinenten zu importieren. So hat Bata viele Arbeitsplätze geschaffen und geholfen, eine lokale Unternehmenskultur aufzubauen. Beispielsweise gründeten Menschen, die ihr Handwerk bei Bata gelernt haben, später ein eigenes Geschäft und wurden Zulieferer der Firma. Und die produzierten Schuhe blieben in Afrika. Praktisch jeder Afrikaner, der zur Schule ging, ist mit Bata-Schuhen auf den Schulweg. Dadurch verbesserte der Konzern indirekt auch die Gesundheit der Bevölkerung; denn wer nicht barfuss gehen muss, liest weniger Krankheiten auf. Bis heute nehmen die Afrikaner Bata als einheimische Marke wahr – zu Recht.

Ein Bata-Schuhgeschäft in der kenianischen Stadt Embu. In Afrika nimmt man Bata heute als nationale Marke wahr.Alamy

Ein Bata-Schuhgeschäft in der kenianischen Stadt Embu. In Afrika nimmt man Bata heute als nationale Marke wahr.

Auch NGOs sind Player in der Entwicklungszusammenarbeit. Diese kritisieren Sie auch. Warum?
Die Nachhaltigkeitslabels, für die sich die NGOs engagieren, haben oftmals dasselbe Problem wie Glencore: keine Einbettung in die lokale Wirtschaft. Die zertifizierten Betriebe, ob Fair-Trade oder Bio, richten sich fast ausschliesslich auf die Bedürfnisse der Konsumenten hierzulande aus. Zwar erhalten die lokalen Bauern eine Prämie, aber die Labels engagieren sich zu wenig, um eine lokale Wirtschaft aufzubauen.

Aber es werden doch Kooperativen gebildet, in denen gemeinsam an Produktionen gearbeitet wird, etwa von Bananen oder Kaffee.
Ja, aber es findet keine Diversifizierung statt. Wenn die Bauern besser verdienen, wenn sie genau das produzieren, was wir Schweizer wollen, besteht kein Anreiz, ein neues Geschäft in der lokalen Wirtschaft aufzubauen, das gezielt auf eine lokale Nachfrage reagiert. Einige Mitglieder der Kooperative mögen privilegiert sein, doch selbst die landlosen Arbeiter, die in der Kooperative temporär arbeiten, profitieren kaum von besseren Löhnen. Wenn NGOs nicht bereit sind mit dem Privatsektor eine lokale Wirtschaft aufzubauen, kreieren sie bloss für uns eine schöne heile Welt, die aber der grossen Mehrheit der Bevölkerung im jeweiligen Land wenig bringt.

Dann tun wir Konsumenten gar nichts Gutes, wenn wir Fair-Trade-Bananen kaufen?
Wir tun Gutes für eine kleine Minderheit, nicht aber für die Mehrheit. Manchmal können Produkte mit eher unbekannten Nachhaltigkeitslabels wie Rainforest Alliance, UTZ oder Technoserve mehr für die lokale Umwelt und Gesellschaft leisten. Zum Beispiel war Chiquita ein Pionier in der nachhaltigen Bananenproduktion in Costa Rica. Er setzte sehr früh hohe Standards für Umwelt- und Arbeiterschutz. Zugleich hat der Konzern auch viel in nachhaltige Innovationen, insbesondere im Recycling, investiert, und verbessert sich ständig weiter. Zusammen mit der Migros baute Chiquita ein Biodiversitäts-Reservat in Costa Rica auf, das weithin als Erfolgsgeschichte gilt. Dennoch kam es zum Bruch: Migros entschied sich 2010, nicht mehr mit Chiquita zusammenzuarbeiten. Coop hatte sich schon zuvor von dieser Marke getrennt. Auch wenn die Grossverteiler dies nicht offiziell so darlegen, doch der Hauptgrund für den Rauswurf von Chiquita war, dass «FairTrade», «Bio» oder «WWF» besser klingen. So wird Nachhaltigkeit zum reinen Marketing.

Das Fair-Trade-Label suggeriert, dass der Kauf dieser Bananen den Produzenten in armen Ländern hilft. Doch das ist nicht unbedingt der Fall.iStock

Das Fair-Trade-Label suggeriert, dass der Kauf dieser Bananen den Produzenten in armen Ländern hilft. Doch das ist nicht unbedingt der Fall.

Wenn nicht bei Labels, wo soll die Schweizer Entwicklungshilfe dann ansetzen?
Wir Schweizer sollten uns an unsere eigene Geschichte erinnern: Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert haben wir sehr ähnliche Probleme wie Afrika heute erlebt. Unser fehlendes Geschichtsbewusstsein ist für mich das Hauptproblem in der Entwicklungszusammenarbeit. Darum erreichen aufstrebende Entwicklungsländer in Asien und Lateinamerika, die in Afrika investieren, in der langfristigen Armutsbekämpfung häufig mehr als die Schweiz. Denn sie erinnern sich noch an ihre eigene Entwicklung, und die Armut im eigenen Land ist immer noch eine Realität. Letztendlich ist jedoch auch die Schweizer Geschichte eine Geschichte der Emanzipation aus der Armut – und der Migration.

Der Schweizer Staat zahlte im 19. Jahrhundert sogar Prämien für Leute, die auswanderten.
Ja, damals hat die Schweiz die Migration der eigenen Bevölkerung aktiv gefördert. Weil klar war, dass wir nicht genügend Ressourcen für die wachsende Bevölkerung haben. Die Bauernbetriebe wurden damals wegen des Bevölkerungswachstums und der Realteilung immer kleiner, die meisten Bauernkinder konnten nicht mehr auf dem eigenen Betrieb bleiben und mussten auswandern. So wie heute in vielen Regionen Afrikas.

Was sind Ihre Vorschläge für eine bessere Entwicklungszusammenarbeit?
Lokales Wissen und Prioritäten müssen vermehrt einbezogen werden. Wenn wir Entwicklungszusammenarbeit enger an die Ziele der Migrationspolitik knüpfen wollen, müssen wir den Leuten vor Ort mehr Eigenverantwortung geben und den Ländern nicht mehr Entwicklungshilfe, sondern mehr Auslandinvestitionen zukommen lassen. Wir müssen die Menschen in den Entwicklungsländern als Unternehmer wahrnehmen, die eine Existenz für sich und ihre Familien aufbauen wollen, nicht als passive Opfer, wie das die gegenwärtige Globalisierungsdiskussion immer noch suggeriert.

Wie geschieht dies konkret?
Die Entwicklungszusammenarbeit muss eine Dienstleistung für die Armen werden. Momentan ist es eine Dienstleistungsindustrie für die Spender hierzulande. Ein Modell wäre, dass die potenziellen Empfänger in den armen Ländern definieren, welche Projekte für sie eine grosse Wirkung hätten und auch einen lokalen Markt schaffen könnten. Solche Projekte würden sie bei einem neu geschaffenen Fonds für Entwicklungsfinanzierung einreichen. Die Unterstützung würde nur zu einem Teil in Cash ausbezahlt, der andere Teil in Form von Gutscheinen, mit denen die Antragssteller aus dem Entwicklungsland Leistungen von ausgewählten Organisationen und Unternehmen einkaufen könnten. Mit diesem System würden die Entwicklungsländer zu Kunden, die Hilfsorganisationen zu Dienstleistern. Und wenn ein Empfänger mit der Unterstützung nicht zufrieden ist, wählt er beim nächsten Mal eine andere Organisation aus. So wird die Marktmacht umgekehrt, und die Hilfsorganisationen arbeiten für die Menschen vor Ort und nicht für die Spender in der Schweiz.

Anmerkung der Redaktion (auf Wunsch von Philipp Aerni): Im Video spricht Philipp Aerni über den Pogrom in Bale Goba, bei welchem auch Kirchen abgebrannt wurden. Richtig ist, dass zwar ein Pogrom stattgefunden hat, dieser jedoch ethnisch motiviert war und die Kirchenverbrennung anderswo beobachtet wurde, nämlich in Jijiga, einer Stadt in der Somaliregion von Äthiopien. Ausserdem sind anderswo auch Moscheen abgebrannt worden.
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