Das musst du wissen

  • Nicola Forster ist seit kurzem Stiftungspräsident von Science et Cité.
  • Er will Wissenschaft, Politik und Gesellschaft näher zusammenbringen.
  • Denn es gebe aktuelle Fragen, bei denen nicht die politische Ausrichtung eine Rolle spiele, sondern nur die Fakten.

Sie haben 2009 den aussenpolitischen Thinktank Foraus gegründet, der wissenschaftliche Fakten als Basis für die Politik aufbereiten will. War denn vor diesem Verein die Politik nicht aufgrund von Fakten betrieben worden?

Das Schweizer Politiksystem mit dem Milizgedanken ist einzigartig. Die Leute können gleichzeitig als Bauer, Anwalt, Lehrerin arbeiten und Politik betreiben, um dort die Erfahrungen, die sie in ihrem Beruf machen, einzutragen. Das ist sehr wertvoll. Es führt aber auch dazu, dass diese Leute im Parlament viel zu wenig Zeit haben, um die Themen, die immer komplexer werden, wirklich zu durchdringen. Als Konsequenz davon haben Lobbys einen sehr starken Einfluss, weil sie für Politikerinnen und Politiker die Themen aufarbeiten. Hier kann aber auch ein Thinktank wie Foraus Ideen bereitstellen, die auf Wissenschaft basieren. In der Schweiz haben wir so Gelegenheit, tatsächlich gehört zu werden. Wir begannen ja alle sehr jung, waren alle um die 25 Jahre alt und konnten von Anfang an Vorschläge bringen, die relevant waren und in der Politik aufgegriffen worden sind. Das wäre in einem anderen Land viel schwieriger.

Hat die Politik wirklich Interesse an Fakten? Ich erinnere an das Positionspapier der SVP, in dem sie immer noch den Klimawandel leugnet, obschon die Fakten – sagen wir mal – 99 Prozent klar sind.

Es gibt ja das Bonmot «Wissenschaft ist der letzte Stand des Irrtums». So zu denken, ist falsch. Politik ist ja die Kunst der Zukunftsgestaltung. Sie definiert die Regeln, um das gesellschaftliche Zusammenleben zu organisieren. Wenn das nicht auf Fakten beruht, schaffen wir Regeln, die nicht der Gesellschaft der Zukunft entsprechen. So haben wir schlussendlich Probleme, die wir nicht mehr korrigieren können. Klimawandel als Beispiel. Wenn wir heute nicht handeln, werden Generationen an unseren Fehlern zu tragen haben. Es gibt einen Punkt, wo man nicht mehr sagen kann: Ich sehe das politisch anders. Das sind Realitäten, denen wir uns stellen müssen. Egal ob links oder rechts oder wo auch immer.

Die Zukunft kann man politisch aber auch ohne Fakten gestalten. Zum Beispiel rein auf Basis der Religion.

Das stimmt. Und es ist auch legitim, dass Leute unterschiedliche Werte in die Politik einbringen und dass nicht eine einzelne Gruppierung den alleinigen Führungsanspruch erhebt. Politik ist ein Aushandlungsprozess, in dem man verschiedene Haltungen haben kann. Das macht letztlich die Schweiz aus. Aber gleichzeitig ist die Wissenschaft eine Basis, die alle akzeptieren müssen. Im Gegensatz zu einer Religion, die für die einen wichtig ist, für die anderen aber nicht.

Sie sind seit Anfang Jahr Stiftungspräsident von Science et Cité. Diese Stiftung will die Wissenschaft den Bürgerinnen und Bürgern nahebringen. Warum ist das wichtig?

Die gesellschaftlichen Implikationen von Forschung sind enorm. Nicht nur beim Klimawandel, auch bei der Digitalisierung zum Beispiel. Da gibt es so grosse gesellschaftliche Komponenten, die man nur in der demokratischen Debatte lösen kann. Dazu muss die Wissenschaft näher zur Bevölkerung, aber die Bevölkerung muss auch näher an die Wissenschaft. Die Zeiten, wo die Wissenschaft einfach kommunizierte, was man alles für tolle Dinge macht, sind vorbei. Es muss ein Dialog auf Augenhöhe sein, wo sich Bürgerinnen und Bürger ernst genommen fühlen. Hier Brücken zwischen Gesellschaft und Wissenschaft zu bauen, ist enorm wichtig. Und hier kann Science et Cité einen kleinen Beitrag leisten.

Was wollen Sie persönlich mit Science et Cité erreichen?

Damit Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenkommen, muss man neue Formate nutzen und Erlebnisorte schaffen, wo Bürgerinnen und Bürger Wissenschaft erfahren können. In Zeiten der Digitalisierung muss man aber auch über neue Wege nachdenken. Klassische Wissenschaftsmagazine sind heute weniger nah bei der Bevölkerung als zum Beispiel Wikipedia. Darum muss man Wissenschaftskommunikation heute ganz anders führen, über Blogs oder Webseiten, die gratis sind. Wenn wir uns hier mit Science et Cité engagieren, ist das ein Gewinn für die Bevölkerung.

Wie macht man das konkret: Wissenschaft und die breite Bevölkerung zusammenbringen?

Man muss möglichst früh anfangen, damit Kinder Begegnungsmöglichkeiten haben, auch wenn sie aus einer Familie kommen, die nicht wissenschaftsaffin ist. Wissenschaft eignet sich ja sehr zum Ausprobieren und Selbermachen. Wenn also Kinder früh diese Möglichkeit erhalten, dann werden sie auch später den Wert von Wissenschaft mehr schätzen. Allgemein sollte man Wissenschaft nicht als etwas rein Universitäres sehen, etwas, das für nur die höchstgebildeten zehn Prozent der Gesellschaft da ist. Da gibt es die Möglichkeit von Wissenschaftscafés, wo man hingehen kann und bei einem Bier oder Kaffee mit einem Forscher zusammensitzen und Fragen stellen kann, die auf den ersten Blick vielleicht dumm erscheinen. Aber dumme Fragen gibt es nicht. Es braucht den Dialog auf Augenhöhe.

Welche Rolle spielt dabei der Spass?

Eine sehr grosse. Auch für mich persönlich ist das bei all meinen Engagements einer der wichtigsten Faktoren – ob ich das Gefühl habe, dass wir die Leute auch im Herzen ansprechen. Spass ist ein Teil davon, aber auch das Gefühl, dass man sich für etwas Wertvolles engagiert.

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