Benedikt Meyers Zeitreise

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catillons tragischem Ende und von Henri Dunant bis Iris von Roten.

Es war schon viel Wasser durch den Zürichsee geflossen, als die Römer beschlossen, am Ende des Sees eine Siedlung zu gründen. Wie auch Vindonissa, fusste Turicum auf einem keltischen Stützpunkt. Die Römer errichteten eine Garnison auf dem Lindenhof, die lokale Zivilbevölkerung siedelte darum herum. Bald schon machten sich die Römer daran, den Abfluss des Sees von allerhand Geschiebe aus der letzten Eiszeit zu befreien. Damit senkten sie den Seespiegel um einige Meter ab und erschlossen sich weiteres Land.

Auf diesem erstellten sie erste Hafenanlagen. Dort bauten sie Schiffe, erhoben Zölle und luden Waren von Seeschiffen auf Flussschiffe um. Turicum war ein Etappenort an der Handelsroute, die Teile Galliens via Vindonissa und die Bündner Alpenpässe mit Italien verband. Ausserdem lag es an der Grenze zwischen den Provinzen Raetia und Germania Superior.

Mit der Ankunft der Römer änderte sich für die keltische Bevölkerung einiges. Am See wurde nun nicht nur rege gebaut und gehandelt, auch der römische Lebensstil hielt Einzug. Unter der Herrschaft Augustus’ kamen die «Ur-Zürcher» so nolens volens in den Genuss öffentlicher Badeanstalten, die sich durchaus mit heutigen Wellnessoasen vergleichen lassen. Es gab temperierte Wasserbecken, Saunen, Massagepersonal, Verpflegungsstationen und Spielecken. Auch die Haarauszupfer durften natürlich nicht fehlen. Unerwünschte Körperbehaarung riss man aus, nur der Bart wurde rasiert. Die «Alipili» boten lauthals ihr haariges Handwerk an – und wenn sie arbeiteten, schrie dann dafür der epilierte Kunde.

In der Mitte ein Tierkämpfer in Ausfallstellung.Schweizerisches Nationalmuseum

Eine römische Büchse aus Elfenbein. Gefunden in der Limmat.

In grösseren Thermen gab es nach Geschlechtern getrennte Bereiche, in kleineren galten einfach für Männer und Frauen separierte Badezeiten. Auch die Toiletten waren natürlich nach Geschlechtern getrennt. Und sie waren schon ziemlich komfortabel. Unter den ovalen Holzsitzen gurgelte ein kleiner Bach hindurch, der permanent fortschwemmte, was es fortzuschwemmen gab. Wasserspülung alla romana. Allerdings: ein stiller Ort waren die römischen Toiletten nicht. Die Menschen sassen direkt nebeneinander, plauderten und diskutierten, und bei ausführlichen Sitzungen wurden nicht nur Geschäfte verrichtet, sondern auch Geschäfte getätigt. Auch die neusten Geschichten, pikantesten Gerüchte und raffiniertesten Intrigen erfuhr man vorzugsweise auf den Toiletten. Wie zum Beispiel – aber das wusstest du schon, oder? Nicht?! Also, Titus Tiburtius hat neulich in der Strasse beim Forum, als er spät nachts aus der Taverne kam …

Digital in die Vergangenheit

Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch

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