Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Chapuisat, Constantin, Ceccaroni: Der Schweizer Fussball hat Helden und Antihelden hervorgebracht. Aber keiner war so erfolgreich wie der kleine Mann aus Ulrichen: 1998 wurde Sepp Blatter Fussballpapst.

Fussballgeschichte ist Migrationsgeschichte. Englische Internatsschüler brachten das Spiel Mitte des 19. Jahrhunderts in die Romandie. Ausländer und Studenten verbreiteten es in der übrigen Schweiz. Und Schweizer Auswanderer waren an Clubgründungen in Barcelona, Marseille, Bologna, Mailand oder Bari beteiligt. Um die Jahrhundertwende schlossen sich die Schweizer Clubs zu einem Verband zusammen, wenig später wurde ein internationaler gegründet: die FIFA.

In der Schweiz entstanden erste Stadien und eine Liga, einzelne Spieler konnten sogar vom Sport leben. Dem stellte sich der Verband aber 1941 entgegen: er verbot den Professionalismus und bestrafte Profis bis Mitte der 1950er-Jahre. Dann erst kommerzialisierte sich der Sport, vor allem wegen des Fernsehens: mehr Zuschauer, mehr Werbung, mehr Geld.

Fussball wurde zum Business. Da überrascht es nicht, dass bei der FIFA ausgerechnet ein PR-Profi Karriere machte. Sepp Blatter hatte den Walliser Verkehrs- und den Eishockeyverband geleitet und die Öffentlichkeitsabteilung der Uhrenfirma Longines dirigiert, als er 1975 zur FIFA kam. Blatter diente dem Verband in diversen Positionen, avancierte zur Nummer zwei hinter João Havelange und löste diesen 1998 an der Spitze ab.

Nebst kleineren Regeländerungen betrieb der Walliser primär die Globalisierung des Spiels. Die WM war bislang ein europäisch-südamerikanisches Kräftemessen gewesen und hatte erst einmal ausserhalb der beiden Kontinente stattgefunden (1994 in den USA). Unter Blatters Leitung wurde die WM nach Südafrika, Südkorea/Japan, Russland und Katar vergeben. Das brachte der FIFA neue Märkte, Milliarden zusätzlicher Einnahmen und Sepp Blatter harsche Kritik von europäischen Fans.
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Der quasi-religiöse Furor mancher Supporter passte hervorragend zu Blatters missionarischem Eifer. Der Papst der steuerbefreiten Fussballkirche erklärte sein Business zum Friedensstifter, Völkerverbinder, Heilsbringer für die Welt. Womöglich war es diese verklärte Sicht auf den Fussball, die Blatter blind machte für Korruption, Menschenrechtsverletzungen und andere Ungeheuerlichkeiten rund um seinen Sport. Eine Blindheit, die ihn 2015 zu Fall brachte. Dass sich an der Fussballkirche dadurch etwas ändert, ist nicht ausgeschlossen. Wunder gehören im Fussball schliesslich dazu.

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