Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Einige Klopfer auf die Vene, dann drang die Nadel ein. Rings um die Süchtigen Dreck, Kälte, Schutzlosigkeit. Ratten, Krankheiten, Erbrochenes: Das war die Realität auf der Berner Bundesterrasse oder am Zürcher Platzspitz. Die Bilder der Schweizer Heroinkrise gingen um die Welt. Dann unternahm das Land endlich einen mutigen Schritt.

Eine, die die kontrollierte Heroinabgabe vorantrieb, war Emilie Lieberherr. Eine ausgesprochen unbequeme Person. Lieberherr war die erste Urnerin mit einer Matur, Doktorin der Ökonomie, Kindermädchen bei Jane und Peter Fonda, erste Konsumentenschützerin der Schweiz und offen lesbisch. 1969 organisierte sie eine unbewilligte Frauendemo auf dem Bundesplatz, ein Jahr später wurde sie zur Zürcher Sozialvorsteherin gewählt – nur Monate, nachdem Zürich das überhaupt juristisch zuliess.

Lieberherr war zunächst gegen die Drogenabgabe gewesen. Doch weil sie mit sich selbst genauso unbequem war, wie mit anderen, liess sie sich von den Fakten umstimmen. Und die Fakten waren klar: so konnte es nicht weitergehen. Die bisherige Drogenpolitik war gescheitert. Sie hatte weder die vielen Toten, noch die Beschaffungskriminalität, die rivalisierenden Dealer oder die grassierenden Krankheiten im Drogenmilieu verhindert.

Zwei Schritte vor, einer zurück: Die Krise wurde nicht auf einen Schlag gelöst. Zunächst verteilten Private saubere Spritzen, Ärzte agierten am Rand des Legalen und in Bern wurde 1986 das erste «Fixerstübli» eröffnet. Zugleich setzte die Politik weiterhin auch auf Repression. Gegen Dealer, aber auch gegen Süchtige. 1992 wurde der «Needle Park» geräumt. Ein Schlag ins Wasser: Die Szene verschob sich vom Platzspitz an den Bahnhof Letten.
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1990 votierte das Zürcher Stimmvolk für Versuche mit einer liberaleren Drogenpolitik. Zwei Jahre später gab auch der Bundesrat grünes Licht für die staatlich kontrollierte Heroinabgabe. 1994 eröffnete die Stadt Zürich zwei Drogenabgabestellen. Im selben Jahr wurden alleine in Zürich 4,1 Millionen saubere Spritzen abgegeben. Süchtige konsumierten staatlich geprüftes Methadon in einem sicheren Umfeld. Nicht wie Kriminelle, sondern wie Kranke. 1995 wurde der Letten geschlossen und die Zahl der Drogentoten ging langsam zurück.

Prävention, Therapie, Schadensverminderung und Repression: das vier-Säulen-Prinzip machte die Schweiz zu einem der drogenpolitisch fortschrittlichsten Länder – und ein bisschen menschlicher.

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