Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Die Pferde schnaubten, der Kies knirschte unter den Rädern und die Umrisse Berns rutschten langsam in den Hintergrund. Mühsam schoben sich die vier Gespanne den Berg hoch. Auf den Bänken hinter den Kutschböcken sassen Frauen und Männer, die sich angeregt unterhielten. Man hätte sie für Sonntagsausflügler halten können oder für eine Hochzeitsgesellschaft oder vielleicht sogar für den «Ornithologischen Verein», als den sie sich ausgaben. Aber die Damen und Herren waren das «Who is Who» der europäischen Sozialisten.

Organisiert hatte das Treffen Robert Grimm. 33, schütteres Haar, Schnauz, Pfeifenraucher, Nationalrat und Redaktor der «Tagwacht». Angesichts des Ersten Weltkriegs wollte Grimm die sozialistischen Kräfte im friedlichen und neutralen Bern zusammenbringen und neu organisieren. Grimm mietete das «Beau Séjour», eine schlechtgehende Pension in Zimmerwald, einem Bauerndorf auf dem Längenberg. Dort diskutierten die Sozialisten vier Tage lang, beschlossen den Klassenkampf anzufachen und so auf ein Ende des Krieges hinzuwirken.

Grimms Charade funktionierte: weder die örtlichen Bauern, noch die Berner Polizei nahmen gross Notiz vom heimlichen Treffen der internationalen Linken.

Nicht alle Teilnehmer waren von weit her angereist. Einer, der schon länger in Bern wohnte, war ein Russe namens Wladimir Uljanow. Der Mann mit dem Spitzbart, den stechenden Augen und dem Spitznamen «Lenin» lebte in der Länggasse und war Anführer der Bolschewisten, einer unauffälligen, aber radikalen Splittergruppe. Im Berner Exil brütete Lenin über Möglichkeiten für den revolutionären Umsturz in seiner Heimat, feilte an seinen Reden, führte mit seiner Frau und seiner Geliebten eine ménage à trois und ärgerte sich über seine Vermieterin, die ihn wegen Gottlosigkeit aus dem Haus warf.
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Grimm und Lenin waren sich schon bei ihrem ersten Treffen ins Revier geraten. Auch in Zimmerwald gerieten die beiden aneinander – mit dem besseren Ende für Grimm. Lenin blieb auf der Konferenz unscheinbar und die Schlussresolution lag nicht auf seiner radikalen Linie.

Viel banalere Probleme hatte der Russe mit dem Geld und den Berner Behörden. Der künftige Revolutionär war chronisch knapp bei Kasse und so musste er sich Geld leihen, um seine Aufenthaltsbewilligung wenigstens bis Ende 1915 zu verlängern. Dann zog er nach Zürich, von da weiter nach St. Petersburg und von dort nahm dann die ganze Geschichte mit Kommunismus und Kaltem Krieg ihren Lauf. Aber auch Robert Grimm sollte noch von sich reden machen. Davon mehr in der nächsten Folge.

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