Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Die Szene war gespenstisch. Das Vallée de Joux war tief verschneit, das Licht trüb und die Gesichter ausgemergelt und blass. Zu Hunderten, Tausenden standen sie an der Schweizer Grenze, bewaffnet, und verlangten Einlass.

Der Deutsch-Französische Krieg im Winter 1870/1871 war grässlich, und genauso grässlich war der Winter selbst. Die Armée de l’Est sollte die deutschen Truppen angreifen, die Belfort belagerten, wurde jedoch zurückgeschlagen, zog sich nach Süden zurück und wurde bei Pontarlier eingekesselt. Bourbakis Truppen fehlte es an Essen, an Kleidung und der General selbst versuchte am 26. Januar, sich das Leben zu nehmen. Der daraufhin ernannte General Clinchant führte die verbliebenen Männer unter grossen Verlusten in Richtung Schweizer Grenze und bat am 28. Januar um militärisches Asyl. In der folgenden Nacht unterschrieb der Schweizer General Herzog den Vertrag von Les Verrières. Dieser erlaubte 87 000 Gespenstern mit 12 000 Pferden die Schweizer Grenze zu überqueren.

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Schweizerinnen und Schweizer reagierten enorm hilfsbereit. Vielerorts wurde spontane Hilfe geleistet und das IKRK kam zu seinem ersten Grosseinsatz. Aber damit allein war es nicht getan. Über Nacht war die Bevölkerung um drei Prozent gewachsen. Die Soldaten wurden über alle Kantone (ausser das Tessin) verteilt, interniert, bewacht und gepflegt. Der Aufwand war riesig, aber trotz medizinischer Versorgung starben in den nächsten Wochen 1700 Soldaten an Entkräftung, Wunden und Krankheiten.

Der Krieg endete im Februar, Frankreich verlor das Elsass und Lothringen. Schon im März wurden Bourbakis Soldaten zurückgeschickt. Die Kosten für ihren Aufenthalt übernahm der französische Staat.

In Genf wurde zehn Jahre nach dem Ereignis ein 14 x 110 Meter grosses Panorama-Rundbild enthüllt, das den Übertritt der Bourbaki-Armee bei Les Verrières zeigt. Rundbilder waren ein beliebtes Medium des 19. Jahrhunderts, sind heute aber fast völlig verschwunden. Das Bourbaki-Panorama ist deshalb gleich doppelt besonders: es ist eines der wenigen, die sich kriegskritisch geben und zugleich eines der letzten, die überhaupt noch existieren. Zu besichtigen ist es heute im Bourbaki-Panorama Luzern.

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