Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Gisikon, November 1847. Am Südufer der Reuss stehen die Truppen des Sonderbundes, am Nordufer jene der übrigen Eidgenossen. Dazwischen der Fluss und eine Brücke; die Lager tasten sich stundenlang ab. Dann geht es plötzlich schnell.

Auf den ersten Blick ist der Sonderbundskrieg eine einfache Geschichte: katholisch-konservative Separatisten unterlagen der reformiert-liberalen Mehrheit. Nur: Sezession war nicht das Ziel des Sonderbunds, die katholischen Solothurner, St. Galler und Tessiner schlugen sich auf die Seite der Liberalen und was die Generäle anging, standen sich Johann-Ulrich von Salis und Guillaume Henri Dufour gegenüber – beide konservativ. Und reformiert.

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Dem Bürgerkrieg ging ein 50-jähriges Seilziehen voraus. Hier träumte man von einer zentralen Regierung, dort pries man die Selbstbestimmung der Kantone. Hier fand man, Glaube sei Privatsache, dort erklärte man ihn zur öffentlichen Angelegenheit. Die Religion war lange das unwichtigere Thema, aber dann beschloss der Aargau 1841 die Aufhebung der Klöster. In der Folge stärkte Luzern die Rolle des Klerus‘, indem es die umstrittenen Jesuiten-Mönche an höhere Schulen berief. Daraufhin zogen 1844/1845 zwei liberale Freischarenzüge gegen Luzern. Beide endeten im Debakel, führten aber auch dazu, dass sich Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Freiburg und das Wallis 1845 zu einem Geheimbund zusammenschlossen (der nicht lange geheim blieb).

Der entscheidende Funke waren dann aber die Wahlen in St. Gallen. Bei diesen kamen im Mai 1847 liberale Kräfte an die Macht, womit die Liberalen in der Tagsatzung (dem Vorläufer des Parlaments) die Mehrheit stellten. Sie erklärten den Sonderbund für ungültig und mobilisierten Truppen unter General Dufour. Dieser zwang zuerst das isolierte Freiburg zur Kapitulation, dann rückte er gegen Luzern vor. Die Sonderbündler wiederum hatten zwei Wochen zuvor versucht, durchs Tessin nach Oberitalien vorzustossen, waren aber bei Biasca gescheitert. Am 23. November 1847 gewannen Dufours Truppen Gefechte an der Reuss bei Gisikon, bei Meierskappel und bei Schüpfheim. Luzern kapitulierte am andern Tag, das Wallis und die Urkantone eine Woche später.

«Nous devons sortir non seulement victorieux, mais aussi sans reproche», hatte General Dufour seine Soldaten ermahnt. Und tatsächlich gab es fast keine Plünderungen und die Verluste waren mit 93 Toten für einen Bürgerkrieg sehr moderat. Dufour war nicht nur ein begnadeter Kartograf und Stratege, er gehörte später auch zu den Gründern des Roten Kreuzes. Bald nach dem Krieg erhielt die Schweiz 1848 ihre erste Verfassung und eine zentrale Regierung. Die liberalen Kräfte setzten sich durch. Sie verboten den Jesuitenorden, liessen aber auch die Anliegen des Sonderbunds in die neue Ordnung einfliessen: etwa durch die Einrichtung des Ständerats oder die insgesamt starke Stellung der Kantone.

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