Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Armut, Reichtum, Wanderschaft, Zufälle, zahllose Bücher, Romanzen, Ehen, Affären, Intrigen, Scharaden, Flucht, Gewalt, Verbannung, Musik, Philosophie, Politik, Religion, Heuchelei und Paranoia: Jean-Jacques Rousseaus Leben stellt die meisten Abenteuerromane in den Schatten. Wohl gerade deshalb bezeichnete er die relativ langweilige Zeit auf der Petersinsel als die glücklichste seines Lebens.

Porträt von Jean Jacques Rousseau.Maurice Quentin de La Tour/Wikimedia

Porträt von Jean Jacques Rousseau.

Dieses hatte sich in den Jahren zuvor komplett überschlagen. Mit «Julie ou la nouvelle Héloise» (1671) war er zum gefeierten Literaten geworden. Mit dem «contrat social» (1672) und «Émile» (1672) hingegen wurde er geächtet. Rousseau schnitt scharfe Analysen. Er erklärte die Herkunft sozialer Strukturen, prangerte Ungleichheit und Herrschaftssysteme an und brach (nachdem er den Glauben zweimal gewechselt hatte) mit der Religion. Der Kritik an so ziemlich allem Bestehenden setzte er das romantische Ideal des edlen Wilden gegenüber. Über seine Gedankengänge mochte man sich streiten, sicher war: Rousseau war ein gefährlicher Mann. In Genf wie auch in Frankreich wurde er zur Verhaftung ausgeschrieben, seine Bücher wurden verbrannt oder verboten. Der Aufklärer fand Zuflucht in Môtiers im Val de Travers. Im Herbst 1765 zog er weiter zur Petersinsel.

Die heutige Halbinsel war damals komplett von Wasser umschlossen. Der Philosoph kam in einem zur Herberge gewordenen Kloster unter. Und er kam zur Ruhe. Er spazierte über die Insel, machte Bootstouren und begann, die örtliche Pflanzenwelt zu studieren. Hin und wieder besuchte ihn jemand und an den Wochenenden gesellte er sich zu den Winzern aus der Region, die einen Pavillon als Treffpunkt für ihre Feste nutzten. Ansonsten sah er den Wellen zu, die ans Ufer schwappten, und für einmal passierte im Leben des Revolutionärs beinahe nichts.

Sechs Wochen nach seiner Ankunft verbannten die Berner Behörden Rousseau aus ihrem Gebiet. Er hastete weiter nach England und von da verkleidet nach Frankreich, wo er weitere Turbulenzen durchlebte und viele Jahre später auf einem Bergbauernhof endete. Dort verfasste er schliesslich sein letztes Werk, blickte zurück auf sein Leben und erinnerte sich schwärmerisch an die Zeit auf der Insel im Lac de Bienne: «Ich hätte vorgezogen, man hätte mir dieses Refugium zum Gefängnis auf Lebenszeit bestimmt, mich für immer dorthin verbannt und mir jede Möglichkeit, die Insel wieder zu verlassen, genommen.»

Digital in die Vergangenheit

Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch

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