Es beherrschen so einige beeindruckende Bauwerke New York’s Skyline: Das Empire State Building zum Beispiel, oder das erst 2014 fertiggestellte One World Trade Center. Aus dem Stadtbild nicht wegzudenken sind vor allem auch die vielen Brücken, die die einzelnen Quartiere der riesigen Metropole verbinden und so die Stadt, die nie schläft, noch lebendiger werden lassen.

Eine der berühmtesten ist die George-Washington-Bridge, die 1931, als sie eröffnet wurde, noch die längste Hängebrücke der Welt war. Visioniert und entworfen worden war sie von dem in der Schweiz geborenen Ingenieur Othmar H. Ammann – erst vor Kurzem veröffentlichten wir sein Porträt im Rahmen unserer Pioniergeist-Reihe. Als es Ammann 1904 nämlich nach New York zog, wurde er nach nur wenigen Jahren zu einem der bekanntesten und angesehensten Brückeningenieure der Welt, der mit seinen wegweisenden, zuvor nie gesehenen Brückendesigns massgeblich zum Umbruch Amerikas beitrug.

Die Verrazzano-Narrows-Bridge über der Hafeneinfahrt von New York.Pixabay/Kathy123

Othmar Ammann erlebte mit 85 Jahren die Eröffnung seines letzten Meisterwerks: Der Verrazzano-Narrows-Bridge über der Hafeneinfahrt von New York.

Der Schweizer Regisseur Martin Witz gibt nun in seiner Dokumentation «Gateways to New York» einen intensiven Einblick in das Leben des erfolgreichen Brückeningenieurs: Vom Aufbruch nach Amerika in jungen Jahren bis hin zu Ammanns Tod kurz nach Eröffnung seines letzten Meisterwerks, der Verrazzano-Narrows-Bridge, die Brooklyn und Staten Island über New Yorks Hafeneinfahrt verbindet.

Dank der vielen Briefe und Tagebucheinträge von Othmar Ammann, die im Film vorgetragen werden, kann ihn der Zuschauer privat kennenlernen. Man erfährt beispielsweise von seinen anfänglichen Problemen bei der Jobsuche oder auch von seinen Visionen von einer Brücke über den Fluss Hudson während er sonntags an dessen Ufer entlang spazierte. Auch scheinbar nebensächliche Geschichten wie diejenige über die Rasur seines Schnauzbartes haben Platz und lockern die Atmosphäre der Doku auf.

Die persönlichen Elemente wechseln sich im Film auf angenehme Art und Weise mit detailreichen Informationen zu Ammanns Bauprojekten ab. Der Zuschauer bekommt so auch einen intensiven Einblick in den Prozess der Brückenerrichtung; von der Entwicklung der Pläne bis zur Herstellung der massiven Drahtseile für die Hängebrücken. Im Verlauf der Dokumentation bleibt dabei eines durchgehend präsent: Ammanns Präzision und Leidenschaft.

Bereits der Trailer der Doku fesselt mit schwindelerregenden Perspektiven.

Eindrucksvolle Zeitreise

Witz konzentriert sich in der Doku allerdings nicht nur auf den Staringenieur Othmar Ammann, er beschreibt auch das Leben und die Emotionen aller am Brückenbau beteiligten Personen. Dies wiederum schafft eine Verbindung zu Ammann, der sich selbst nie in den Vordergrund drängte und als sehr bescheidene und rücksichtsvolle Person galt.

Paul Deer zum Beispiel ist einer der Stahlarbeiter, die beim Bau der riesigen Verrezzano-Narrows-Bridge eingesetzt wurden. Er erzählt von seinen Sorgen und Ängsten, aber auch vom Zusammenhalt der Gruppe. Durch die emotionalen Interviews mit Zeitgenossen fühlt sich der Zuschauer in die damalige Zeit zurückversetzt: Man erlebt und versteht die Brückenarbeiter, einige davon aus dem Stamm der Mohawks, die bei einem Windstoss um ihr Leben bangen mussten. Die aber vor allem auch stolz darauf waren, bei solch grossartigen Projekten dabei sein zu dürfen. Ebenso kann man auch die Wut der Anwohner nachvollziehen, die wegen des benötigten Platzes zum Teil ihren Wohnort aufgeben und umsiedeln mussten.

Der ehemalige Stahlarbeiter Paul DeerFrenetic Films

Paul Deer berichtet von seinen bewegenden Erlebnissen als junger Stahlarbeiter beim Bau der Verrazzano-Narrows-Bridge.

Mitten im Geschehen

«Gateways to New York» bezieht den Zuschauer immer wieder in die Szenen ein: Steile Perspektiven aus schwindelerregender Höhe, Details der Brückenbaupläne, Musik und Sprachaufnahmen, die die damalige Atmosphäre New Yorks aufleben lassen – man ist stets nah am Geschehen. Und auch mit Othmar Ammann kann man sich leicht identifizieren – einer der wichtigsten Aspekte des Films. Dies liegt unter anderem daran, dass man miterlebt, wie auch er in Zwickmühlen steckte und vor Herausforderungen stand: Er stellte sich etwa gegen seinen Vorgesetzten Gustav Lindenthal, da er mit dessen Vorstellungen für die George-Washington-Bridge nicht zufrieden war. Um seinen Traum von einer Brücke über den Hudson weiter zu folgen, arbeitete Ammann an seinen eigenen Plänen – und entwarf damit die Brücke, die New York revolutionierte.

Mit seiner Dokumentation präsentiert Martin Witz mehr als den Werdegang eines Genies und die Entwicklung seiner Brücken, er schafft auch – und das ist viel inspirierender – den persönlichen Zugang zur Lebenswelt des Menschen Ammann.

«Gateways to New York» im Kino


Hier findest du Informationen zu den aktuellen Kinovorstellungen von Martin Witz‘ Dokumentation.
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