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Vor einigen Tagen habe ich via Facebook-Messenger eine Sprachnachricht zugeschickt bekommen, die vor der möglichen Impfung gegen Sars-CoV-2 warnt:

«Es ist ein mRNA-Impfstoff. Das heisst, es wird in eure DNA eingegriffen.»

Ähnliches geistert auch als Video im Web herum.

Halten wir erst mal fest, was Genmanipulation ist. Darunter versteht man das absichtliche Verändern der Erbsubstanz eines Lebewesens: Bakterium, Pflanze, Tier oder sogar Mensch. Wenn jemand also behauptet, die Impfung sei Genmanipulation, braucht er schon mal das falsche Wort, denn mit Absicht wird da gar niemand genmanipuliert.

Aber seien wir grosszügig, sehen über den manipulativ falschen Gebrauch des Begriffs Genmanipulation hinweg und schauen genauer hin. Was ist mRNA?

mRNA ist eine Art Botenstoff, eine Art Bauanleitung. Sie transportiert die Information eines Gens aus dem Zellkern in den Zellinnenraum, das Zytoplasma. Dort wird die Information von speziellen Zellorganen, den Ribosomen, als Vorlage benutzt, um ein Protein herzustellen. Es ist vergleichbar mit einem Fax, der aus der Zentrale einer Firma in eine Aussenfiliale geschickt wird, damit man dort ein bestimmtes Werkstück herstellen kann.

Die Idee hinter der mRNA-Impfung ist die folgende: Man injiziert nicht wie bei herkömmlichen Impfungen einem Menschen abgeschwächte oder abgetötete Krankheitserreger, damit dessen Immunsystem sozusagen ein Übungsstück hat und die Herstellung von Antikörpern üben kann. Und so, wenn dann der richtige Krankheitserreger kommt, darauf vorbereitet ist.

Die neue Idee am mRNA-Impfstoff ist nun, dass man nicht ganze Erreger verabreicht, sondern nur die genetische Bauanleitung für einen kleinen Teil des Erregers. Im Fall von Sars-CoV-2 das sogenannte Spike. Das sind die Dornfortsätze, mit denen das Coronavirus an die Zellen andockt, die es infizieren will.

Wenn man einem Menschen nun die Bauanleitung für die Spike verabreicht, beginnt dessen genetischer Apparat, Spikes herzustellen – und nur Spikes, keine ganzen Viren. So kann sich unser Immunsystem an den Spikes scharf machen. Diese neue Art der Impfung – hofft man – ist spezifischer und hat weniger Nebenwirkungen, als wenn man mit ganzen Erregern impft.

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Aber jetzt zu der Frage: Kann diese mRNA in das Erbgut des Menschen eingebaut werden? Wenn nicht absichtlich, dann vielleicht als Nebenwirkung, als Impfschaden? Die Antwort ist Nein. Denn das Erbgut besteht aus DNA, nicht aus RNA. Das ist chemisch nicht dasselbe.

Nun gibt es aber in der Natur doch Fälle, wo mRNA in DNA übersetzt wird, um dann in unser Erbgut eingebaut zu werden. Einige sehr raffinierte Viren tun das, um sich sozusagen in unserem Erbgut zu verstecken: die sogenannten Retroviren. Das HI-Virus, das Aids verursacht, das Humane T-Zell-Leukämie-Virus HTLV, und das Hepatitis-B-Virus. Damit sie sich aber in unser Erbgut schleichen können, brauchen diese Viren ein Enzym, das die Übersetzung von mRNA in DNA leistet: die reverse Transkriptase. Und raffinierterweise bringen diese Viren dieses Werkzeug gleich selbst mit. Denn einfach so ist das in unserem Körper nicht vorhanden. Wer also Angst hat, dass sich nach einer mRNA-Impfung das Spike-Gen in sein Erbgut einbaut, müsste gleichzeitig auch gerade eine aktive Infektion mit einem dieser drei genannten Viren haben, die Aids, Leukämie oder Hepatitis-B auslösen.

Das ist wohl sehr unwahrscheinlich – aber auch nicht ganz auszuschliessen. Und selbst wenn, dass es dann Krebs oder sonst eine Krankheit auslöst, dafür gibt es null Hinweise.

Springende Gene als Einfallstor?

Wenn wir jetzt ganz ehrlich und wissenschaftlich korrekt sind, gibt es noch einen weiteren zellulären Mechanismus, der ein Einschleichen der mRNA ins Erbgut möglich machen könnte. Aber Achtung: jetzt wird es extrem molekularbiologisch – und extrem unwahrscheinlich.

In unserem Erbgut gibt es springende Gene, sogenannte Transposons. Sie springen tatsächlich im Erbgut von einem Ort zum anderen. Warum sie das tun, ist beim Menschen nicht bekannt. Bei Bakterien verbreiten sich so Antibiotikaresistenzen.

Diese Sprünge schaffen einige Typen der Transposons, indem sie vereinfacht gesagt in RNA übersetzt werden, sich einen neuen Platz suchen und dort wieder in DNA zurückübersetzt werden. Dazu ist aber mindestens noch ein weiteres Enzym nötig: die Endonuclease.

Alles in allem, sagt der Molekularbiologe, mit dem ich lange über das Thema gesprochen habe: «Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass irgendwo in unserem genetischen Apparat doch noch ein Mechanismus vorhanden ist, mittels dessen der Covid-19-Impfstoff in seltenen Fällen in unsere Erbsubstanz eingebaut werden könnte. Theoretisch.» Und auf die Frage, ob er sich impfen lassen wird, sagt er «Ja».

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Wenn jetzt aber Medien von «unwägbaren Risiken» schreiben, ist das falsch. Denn immerhin wurde der heisseste Kandidat von Biontech bereits an über 43 000 Menschen getestet, ohne nennenswerte Nebenwirkungen.

Übrigens, wer euch so eine Message schickt, beweist ja in den meisten Fällen gleich selbst, dass er keine Ahnung hat:

«Es wird mit hoher Geschwindigkeit ein Nano-Partikel in eure Blutbahn geschossen. Und die müssen deswegen mit -70 Grad gelagert werden, weil dieses Zeug eine… eine… ja das ist… googelt mal unter rMNA oder mRNA-Impfstoff! Da werdet ihr schon ‘ne Menge merkwürdiger Sachen finden.»

Ja, tatsächlich.

So was löscht man und schreibt dem Absender, dass es gelogen ist. Ob ihr euch dann impft, ist selbstverständlich eure Entscheidung. Genetische Mutanten werdet ihr mit allergrösster Wahrscheinlichkeit aber nicht.

Der Faktist

Der Faktist schaut ganz genau hin. Im Dschungel der wissenschaftlichen Studienresultate behält er den Überblick. Zeigt, was zusammenhängt. Und was einfach nicht aufgeht. Der Faktist ist Beat Glogger, Gründer und Chefredaktor von higgs. Jeden Dienstag als Sendung auf Radio 1 und als Video auf higgs.
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