Die Ferien sind gerade vorbei. Viele von uns verreisten und erfreuten sich am Sand unter den Füssen, an frischer Bergluft in der Lunge oder an ein paar Tagen Müssiggang auf Balkonien. Wir wollten uns vom stressigen Alltag erholen. Doch geht das überhaupt noch in unserer schnelllebigen digitalen Gesellschaft?

Im Privaten und bei der Arbeit ist die digitale Welt omnipräsent. In den sozialen Medien ist auch zur Urlaubszeit Hochkonjunktur. Man möchte schliesslich all seinen Followers zeigen, wie wunderschön der Sonnenuntergang auf Santorini ist, wie lecker das Gelatti in Rom aussieht und wie toll man vor dem bildhübschen Bergsee im Engadin posieren kann. Licht, Nachbearbeitung und ein passender Text brauchen zwar Zeit, aber egal: man kann das auch später noch in echt geniessen.

Sven Bisquolm

Sven Bisquolm ist Experte für digitale Transformation. Für seine Dissertation an der Universität Zürich hat er untersucht, mit welchen digitalen Gefahren wir zu kämpfen haben und wie wir mit damit umgehen können. Eine für die breite Öffentlichkeit überarbeitete Version ist kürzlich als Taschenbuch erschienen.

Man möchte abschalten, die leeren Batterien aufladen und zur Ruhe kommen, um wieder fit zu sein für die nächste Herausforderung. Leider ist das nicht mehr so einfach. Wir sind es uns gewohnt, ständig eine kleine Dosis von Dopamin zu bekommen und immer und überall mit allen verbunden zu sein. Der durchschnittliche Nutzer berührt sein Smartphone 2 617-mal am Tag und jede zehnte sogar 5 427-mal. In Sachen Kommunikation sind die Zahlen ebenso beeindruckend. Meist beantworten wir Textnachrichten, die via WhatsApp, Viber oder Signal versendet werden, in knapp 90 Sekunden. E-Mails beantworten wir durchschnittlich innerhalb von einer Stunde.

Kein Wunder, sind doch soziale Medien, Netzwerke, Videospiele usw. darauf ausgerichtet, den Nutzer möglichst lange am Gerät zu halten. Sich davon plötzlich trennen zu müssen, ist vergleichbar mit einem Drogenentzug. Wer einem Teenager das Smartphone schonmal eingezogen hat, kann das besonders gut nachvollziehen.

Aber es sind keineswegs nur die Jungen, die Gefahr laufen, süchtig zu werden. Uns Erwachsenen fällt das Loslassen genauso schwer. Laptops und E-Mails auf dem Smartphone ermöglichen das Arbeiten von überall und zu jeder Zeit. Sich vom Arbeitsalltag und den laufenden Projekten abzugrenzen, ist infolgedessen keine einfache Sache. Vor allem in Unternehmen, die keine klaren Vorgaben machen oder die Extrameile im Urlaub sogar fördern. Der subtile Gruppendruck stellt hierbei eine nicht zu unterschätzende psychologische Belastung dar. Es ist das klassische Gefangenendilemma in digitalem Gewand.

Wenn die Kollegen im Urlaub stets erreichbar sind und arbeiten, dann glaube ich, dies auch tun zu müssen. Die nächste Beförderung könnte schliesslich davon abhängig sein.

Tim Cook erklärte vor ein paar Jahren, dass wir das Produkt sind bei Online-Diensten und mit unseren Daten bezahlen würden. Natürlich hat er aus betriebswirtschaftlicher und marketingtechnischer Perspektive recht, jedoch muss man sich die Frage stellen, ob wir nicht mit viel mehr bezahlen als nur unseren Daten? Technostress, digitales Burnout, Verlust von sozialen Beziehungen und Suchterscheinungen sind Teil der digitalen Revolution und müssen von uns ernst genommen werden.

Wie also abschalten? Man könnte etwa das Smartphone im Hotel lassen, Laptops gar nicht erst auf die Reise mitnehmen, ein Buch lesen anstatt Netflix zu bingen oder sich an einem analogen Brettspiel mit Freundinnen und Familie erfreuen. Es gibt auch schon ein reiches «Digital Detox»-Angebot mit Hotels und Ferienanlagen, die gezielt einen Offline-Urlaub propagieren.

Ich selbst lasse das Smartphone, wenn immer möglich, lautlos ohne Vibrationsalarm in einer Schublade im Feriendomizil. Am Anfang ist das seltsam, da die Automatismen nichts mehr zu tun haben: kein E-Mail-Checking, kein Insta-Scrolling, kein Selfie-Knipsen. Nach einer Weile fängt man dann an, die Sehenswürdigkeiten, neuen Bekanntschaften und Aktivitäten im Offline-Urlaub richtig zu geniessen. Am Ende vermisst man das Smartphone gar nicht mehr. Zumindest ging es mir so.

Wie sieht Ihr Urlaub in digitalen Zeiten aus und was tun Sie, um digitalen Urlaubsstress zu vermeiden?

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