Das musst du wissen

  • Ein starker Lebenssinn und gute Selbstkontrolle können Menschen helfen, Stresssituationen und Krisen zu bewältigen.
  • Auch Freunde, Hobbys, eigene Projekte und Sport schützen vor psychischen Belastungen.
  • Krisen bieten aber auch eine Chance, unsere Lebensweise zu hinterfragen und uns umzuorientieren.
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Einsamkeit, Stress und Depression sind Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie, auch in der Schweiz. Während des Lockdowns Anfang Jahr fühlten sich die Hälfte der Teilnehmer einer nicht repräsentativen Umfrage der Universität Basel gestresster als vorher. Bei 57 Prozent der Befragten verstärkten sich depressive Symptome und die Häufigkeit von schweren depressiven Symptomen verdreifachte sich auf rund neun Prozent. Gründe für diese Zunahme waren Veränderungen bei der Arbeit oder Ausbildung sowie das eingeschränkte Sozialleben. Erstaunlicherweise gab es aber auch Personen, denen der Lockdown weniger Stress brachte, und diese machten einen Viertel der Befragten aus. Dabei half ihnen sportliche Betätigung, Hobbys und neue Projekte. Es gibt also Strategien, um sich gegen Stress in Zeiten mit wenig sozialen Anlässen zu wappnen.

Dazu gehört auch eine gute Selbstkontrolle und ein klares Bild vom eigenen Lebenssinn, wie Psychologen aus Österreich und Deutschland herausfanden. Für ihre Studie befragten die Forschenden zwischen April und Mai mehr als 1500 Personen zu ihrem psychischen Wohlbefinden, zum Stress auf Grund der Pandemie, zur persönlichen Sinnerfüllung und zur Selbstbeherrschung.

Science-Check ✓

Studie: Meaning in Life and Self-Control Buffer Stress in Times of COVID-19: Moderating and Mediating Effects With Regard to Mental DistressKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Umfrage wurde über verschiedene Newsletter von Universitäten, Unternehmen, regionalen Netzwerken und in Zeitungen und auf Nachrichten-Webseiten gestreut. Insgesamt beteiligten sich viele Personen mit hohem Bildungsstatus und eher komfortablen Lebensbedingungen. Die Resultate lassen sich daher nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Da unterschiedliche Personen während und nach dem Lockdown befragt wurden, lassen sich auch keine direkten Veränderungen über die Zeit messen. Dies ist erst durch eine erneute Befragung derselben Personen möglich. Eine solche haben die Forschenden inzwischen durchgeführt, die Resultate sind aber noch nicht veröffentlicht.Mehr Infos zu dieser Studie...

Menschen, die sich im klaren sind, wohin es in ihrem Leben gehen soll, und sich mit dem Einsatz für eine grössere Sache beschäftigen – etwa für Risikopersonen einkaufen gehen oder benachteiligten Kindern Nachhilfe geben – empfinden das, was sie tun, meist als bedeutungsvoll. Sie konnten auch mit dem Lockdown besser umgehen. Gleiches galt für Personen, die selbstkontrolliert sind, also gut darin, Dinge zu tun, die sie sich vornehmen, und Unpassendes zu lassen. Sie haderten während des Lockdowns weniger damit, auf etwas zu verzichten was sie eigentlich gerne machen – etwa tanzen zu gehen. Sinnerfüllte und selbstbeherrschte Personen empfanden den Lockdown und die Wochen danach zwar teilweise auch als belastend, doch dies führte nicht zu mehr Depression oder Ängstlichkeit. Psychische Probleme wurden also sozusagen abgepuffert.

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Dabei zeigte sich aber auch, dass die beiden Ressourcen nicht unerschöpflich sind. Sowohl die persönliche Sinnerfüllung als auch die Selbstbeherrschung sanken nach dem Lockdown. Das psychische Wohlbefinden verringerte sich dementsprechend. Als eine mögliche Erklärung dafür sehen die Forschenden die Lockerungspolitik. «Die Lockerungen brachten viele Unsicherheiten, es war nicht mehr so klar, welches Verhalten sinnvoll ist», sagt die Sinnforscherin und Psychologin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck. Damit sei auch nicht mehr allen klar gewesen, wieso man sich beherrschen und zum Beispiel nicht Feiern sollte. Die Politik bestimmt unser Sinnerleben also massgeblich mit: Nur wenn uns der Sinn der Corona-Massnahmen klar ist, sind wir auch bereit, diese mitzutragen. Dafür braucht es eine transparente Kommunikation und Orientierung. Wichtig sei auch zu vermitteln, dass die Krise nur gemeinsam zu meistern sei und also jeder einzelne zähle, sagt die Psychologin. Die Massnahmen nachvollziehen zu können erleichtere, den Sinn im eigenen Handeln zu finden. «Informieren Sie sich, auch wenn Sie das Thema Corona eigentlich nicht mehr hören können», rät die Psychologin.

Darüber hinaus empfiehlt sie, Rituale zu leben. Also Dinge zu tun, die für uns eine spezielle Bedeutung haben – und diese schön zu gestalten. Beispielsweise jeden Sonntag etwas Besonderes zu kochen oder sich wöchentlich digital mit der besten Freundin zu treffen. Experten empfehlen, Freundschaften in Krisenzeiten nicht zu vernachlässigen und sich online zu vernetzen. Weiss man weder ein noch aus, helfen auch professionelle Hotlines.

Schnell sagt, Sinnkrisen könnten uns zudem stärken – wenn man sich darauf einlasse: «Es ist wichtig zu sehen, dass psychische Belastungen und Sinnkrisen Erfahrungen sind, die viele Menschen machen und die uns persönlich auch weiterbringen können». Es sei ein anstrengender und schmerzhafter Prozess, weil wir in Frage stellten, wieso wir so leben, wie wir leben. Das gebe uns aber auch die Möglichkeit, uns umzuorientieren und unser Leben anders zu gestalten.

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