Die Bedrohung durch den Coronavirus scheint gross, zumindest in China, denn dort ist das ganze Land im Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben, aber auch Arbeit und Reisen unterliegt strikten Beschränkungen. Schulen und andere Einrichtungen bleiben bis auf weiteres geschlossen. Warenlieferungen, die Teilnahme an Konferenzen oder Familienfesten, all das wird der nationalen Sicherheit untergeordnet, ausgelöst durch die Gefahr der Ausbreitung eines neuen Coronaviruses, der rund 2 Prozent der Patienten, die Symptome zeigen, tötet.

Ein Ausnahmezustand, der die Regierung offensichtlich dazu ermächtigt, stark in das Leben von Menschen, aber auch in die Abläufe von Firmen einzugreifen.

Christina Marchand

ZHAW Institut für Innovation & Entrepreneurship

Dr. Christina Marchand ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Innovation und Entrepreneurship an der Zürcher Hochschule für Angewandten Wissenschaften (ZHAW). Sie forscht im Bereich Energie- und Strommarkt, erneuerbare Energien, Klimawandel und Nachhaltigkeit. Zudem ist sie Gründerin des Startups „myNewEnergy.ch – der Stromvergleichsdienst“.

Drastische Massnahmen gegen Corona – klar

Kritik an dem Vorgehen? Bisher ist sowohl in der Bevölkerung, wie auch von anderen Regierungen, ja selbst von den betroffenen Firmen wenig zu hören, zumindest nicht in der Presse. Und das, obwohl der Wirtschaft grosse Einbussen drohen. Offensichtlich wird ein solch beherztes Vorgehen im Fall einer tödlichen, existentiellen Krise nicht nur akzeptiert, sondern sogar gefordert. Welcher CEO will schon verantwortlich sein, wenn wegen seinem Nichthandeln Mitarbeiter sterben. Spannend ist, wie schnell der Notstand erkannt und wie zügig gehandelt wurde. Denn allen ist klar: Wenn sich die Krankheit erst mal ausgebreitet hat, dann können nur noch Symptome behandelt werden.
Bedrohung der Menschheit – da war doch was

Schnell fällt bei der Betrachtung der Corona-Verbreitung ein Vergleich mit einer anderen tödlichen Bedrohung der Menschheit – der Klimaerhitzung – ins Auge. Auch hier warnen Wissenschaftler und Experten vor riesigen Schäden, Millionen von Toten und dem dramatischen Aussterben von Arten und bereits heute gibt es viele Klima-Tote. Zusätzlich gibt es auch beim Klimawandel Kipp-Punkte, deren Erreichen eine Eindämmung fast unmöglich macht. Zum Beispiel kann es durch das Entweichen von Methan aus auftauenden Erdschichten zu einem sich selbst beschleunigendem Klimawandel kommen.

Die Klimaerhitzung birgt also ähnliche Gefahren wie der neue Virus, wegen dem man jetzt ein gesamtes Land lahmlegt. Es ist schwer zu verstehen, warum das menschliche Risikobewusstsein beim Klimawandel versagt, wo es doch grundsätzlich funktioniert, wie man jetzt beim Coronavirus sieht. Natürlich ist hier der direkte Zusammenhang zwischen dem Virus und den Toten einfacher zu verstehen und die Massnahmen sind klarer. Aber auch die Klimaerhitzung ist genügend Menschen bekannt und vor allem Politiker sollten die Zusammenhänge verstehen können.

Klima-Tote zählen nicht

Es gibt viele Versuche die Anzahl der Klima-Toten genau zu berechnen, vielleicht in der Hoffnung, dass solche Zahlen den Klima-Notstand klarer machen würden. Leider ist es sehr schwer die zukünftigen Todeszahlen genau zu beziffern. Neue Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Hunger-, Hitze- und Malariatoten und der Klimaänderung, aber nicht immer ist der Zusammenhang so klar, wie jetzt bei den Bränden in Australien. Hier sind zwar direkt nur wenige Menschen, aber dafür 1 Milliarde Tiere gestorben. Die Mittel- und Langzeitauswirkungen auf die Menschen dürften erst in ein paar Jahren deutlich werden.

In einer Übersichtsstudie vom letzten Jahr gibt es Berechnungen, dass der Klimawandel in den nächsten 100 Jahren rund einer Milliarde Menschen zusätzlich das Leben kosten könnte. Aber hier werden nur die heute bekannten Risiken beachtet. Durch den Klimaerhitzung und Versauerung könnten zum Beispiel die Meere kippen und dadurch alle Lebewesen darin sterben. Ein Todesurteil für die Milliarden von Menschen, die auf die Ernährung aus dem Meer angewiesen sind.

Massnahmen gegen die Klimaerhitzung – Fehlanzeige

Am Beispiel des Coronaviruses sieht man, dass die Bevölkerung und auch die Wirtschaft Massnahmen mitträgt. Es scheint wichtig zu sein, dass die Auswirkungen und Regeln verständlich sind und ohne Ausnahmen durchgesetzt werden. Das könnte gegen die Klimaerhitzung eine staatliche Kontrolle und Absenkung der Emissionen von Treibhausgasen in allen Lebensbereichen sein. Unethische Massnahmen aber, zum Beispiel wenn Reiche trotz der Ansteckungsgefahr weiterhin aus China ausreisen dürften, würden dagegen vermutlich zu Aufständen führen. Ein Beispiel dafür ist die geplante Erhöhung der Benzinpreise in Frankreich, die zu den Demonstrationen der Gelbwesten führte. Aus solchen Fällen müssen wir Lehren ziehen und durchsetzbare Massnahmen gegen die Klimaerhitzung ableiten.

Aber nicht mal zu kleinen Anpassungen können sich unsere Regierungen durchringen. Ohne Eindämmung wird der Klimawandel deutlich mehr Menschen töten als Rauchen, trotzdem ist kein Werbeverbot für besonders klimaschädliche Produkte in Diskussion.

Vordergründig wird das Risiko zwar berücksichtigt. So haben beispielsweise der Kanton und die Stadt Zürich den Klimanotstand ausgerufen. Offenbar wurde da der Begriff Notstand nicht ganz verstanden, denn es wird nicht entsprechend einem Notstand gehandelt. Was das bedeuten würde, zeigt der Coronavirus im Moment deutlich. Bei einem Notstand wird alles versucht, um eine drohende Gefahr abzuwenden, egal ob es der Wirtschaft schadet und man Menschen einschränken muss.

Notstand – was ist das genau?

Was müssten die Schweizer Regierungen auf allen Ebenen also tun, wenn sie entsprechend dem Risiko handeln würden? Die Liste von nötigen Massnahmen ist lang und natürlich müsste man mit den grössten Emittenten anfangen und vor allem unnötige Emissionen verhindern – zum Beispiel die von zu grossen und schweren Autos, wo es heute schon gute Alternativen gibt. Eine wirklich einfache Massnahme wäre es, geplante Projekte auf ihre Klimatauglichkeit hin zu überprüfen und vor der Umsetzung neu zu bewerten. Viele vor Jahren geplante Bauprojekte passen nicht zu den heutigen Klimazielen und sind schon veraltet. Leider passiert nicht einmal das, meist werden klimaschädliche Bauprojekte einfach durchgewunken.

Ein Beispiel ist die Abstimmung zum Rosengartentunnel. Es ist bekannt, dass beim Bau und im Betrieb dieses Tunnels riesige Mengen CO2 entstehen. Der Autoverkehr soll gleich rege bleiben wie heute, auch das ist nicht klimatauglich und widerspricht auch den Wünschen der Stadtbevölkerung. Trotzdem wird dieses Projekt unverändert dem Volk zur Entscheidung vorgelegt, ein Affront gegen die Klimajugend und die zukünftigen Generationen. Übertragen auf den Virusausbruch wäre das so, als ob die chinesische Regierung ihr Volk derzeit fragen würde, ob es nicht doch lieber ein grosses Volksfest statt der Einschränkungen möchte.

Coronavirus contra Greta, wie steht es? Leider wirkt das Coronavirus deutlich besser als alle Warnungen von Greta. Damit wird es vermutlich dieses Jahr mehr zum Klimaschutz beitragen als die meisten Klimaschutzmassnahmen unsere Regierungen – einfach als Nebeneffekt – indem die Leute zu Hause bleiben, weniger konsumieren und reisen. Eins zu null für Corona also.

Dialog

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