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Frau von Castelberg, Sie liessen sich vor sechs Jahren mit 60 frühpensionieren. Warum?

Vor allem weil das Medizinische in den Hintergrund geriet, dafür Sitzungen und Projektarbeiten in den Vordergrund.

Das war früher anders?

Ja. Ich führte zum Beispiel eine kindergynäkologische Sprechstunde ein. Wir besprachen, wer sich ausbilden liess, wie wir das Material beschaffen, gründeten eine Stiftung und bestimmten den Startzeitpunkt. Geld hatten wir zwar keines, aber es ist immer gegangen. Doch irgendwann mussten wir einen Projektbeschrieb verfassen und einen Projektausschuss bilden. Plötzlich gab es viele Sitzungen und für jede Kleinigkeit kam ein Berater. So kann man keine Medizin machen, denn all diese Leute verstehen nichts davon.

Sie waren frustriert.

Ja, von den Nebenerscheinungen der Medizin. Abgesehen davon hatten wir es wahnsinnig toll in unserem Spital. Es gab ein sehr gutes Verhältnis mit der Pflege, eine Psychologin begleitete uns bei jeder Visite. Und – obwohl man das kaum sagen darf – wir hatten es sehr lustig. Wir lachten untereinander und mit den Patienten. Diese tolle Atmosphäre fehlte mir nach der Pensionierung. Aber alles was mit Spitalleitung, Departementsbildung und dergleichen zu tun hat – fürchterlich.

Was ist die grösste Veränderung in Spitälern, die Sie in Ihrer 35-jährigen Karriere beobachtet haben?

Früher waren die Patienten zu sechst im Zimmer, das war teils sehr lustig. Gerade in der Männerabteilung. Und es war immer ein Pfleger dort. In Einzelzimmern dagegen sehen die Patienten oft stundenlang niemanden, obwohl es sehr viel mehr Mitarbeiter gibt. Diese Einsamkeit ist aus meiner Sicht ein Nachteil. Und früher haben Pflegende das Essen gebracht. Sie bekamen mit, wenn ein Patient nicht gegessen hatte, oder die Mahlzeit wegen seiner zittrigen Hände nicht schneiden konnte. Heute kommt der Room Service, stellt das Essen auf den Tisch und geht raus. Früher gab es Ärzte, Pflege und Putzpersonal, jetzt existieren viel mehr Zwischenstufen. Das sind schlechte Entwicklungen.

Wie wirkt sich das auf das Personal aus?

Die Mitarbeiter fühlen sich weniger verantwortlich. Als ich selbst Patientin war, habe mal absichtlich ein Papier auf dem Boden liegen gelassen. Ich wollte schauen, wie lange es dauert, bis es weg ist. Die einzige Person, die es wegräumen wollte, war die Oberschwester, die für die ganze Abteilung zuständig war. Nur sie hatte ein Gesamtverantwortungsgefühl. Ich sagte ihr, sie solle es liegen lassen. Dann lag das Papierchen extrem lange da. Das ist zwar ein dummer Test, aber er zeigt, dass jeder nur noch seinen eigenen Bereich sieht.

Nach der Pensionierung arbeiteten Sie ein Jahr für das Swiss Medical Board, das prüft, ob eine medizinische Massnahme sinnvoll ist. Danach haben sie etwas Erstaunliches gemacht: käsen gelernt. Warum?

Käse ist mein Lieblingsnahrungsmittel. Im Bünderland sagte ich zu einem Käser, alles sei dort gut, ausser der Käse. Darauf lud er mich ein und ich lernte in einem bitterkalten Winter wochenlang die Grundtechniken des Käsens. Später suchte ich etwas in der Nähe von Zürich und fand ein sehr nettes Bauern-Ehepaar auf einem Biohof, das bereit war, mich aufzunehmen – was nicht selbstverständlich ist.

Warum ist das nicht selbstverständlich?

Nun, ich würde mich nicht unbedingt nehmen.

Warum nicht?

Ich wüsste ja nicht, ob ich stark genug wäre.

Oder weil Sie als aufmüpfige Chefärztin galten und nicht aufs Maul sitzen können, wenn Ihnen etwas nicht passt?

Nein, um Himmels willen, wenn ich von etwas nichts verstehe, würde ich doch nicht ausrufen.

Sie haben mehreren Tausend Kindern auf die Welt geholfen, haben selbst aber keine. Warum nicht?

Einerseits wäre meine Karriere mit Kindern nicht möglich gewesen. Das wäre aber nicht so schlimm gewesen, dann hätte ich sie halt nicht gemacht. Andererseits hat es einfach nie so richtig gepasst. Und irgendwann war ich dann zu alt.

Würden Sie das heute anders machen?

Bei meiner Nachfolgerin sehe ich, dass dieser Job heute auch mit Kindern machbar ist. Manchmal denke ich, dass es schade ist, dass ich keine habe. Beispielsweise wenn ich erwachsene Kinder sehe, die toll heraus gekommen sind. Aber der Weg dahin ist nicht immer so einfach.

Ihr neuestes Projekt heisst Café Med. Was tun Sie dort?

Wir bieten Patientinnen und Patienten Entscheidungshilfe. Mit dabei sind bis zu zehn Fachärzte – Kardiologen, Pädiater, Nierenspezialisten, Lungenspezialisten, eine Psychologin und ich. Wir diskutieren mit den Patienten und zeigen Alternativen auf. Dabei geht es nicht darum, Ratschläge zu geben, sondern den Menschen eine eigene Entscheidung zu ermöglichen. Wir können uns die Zeit nehmen, die andernorts fehlt.

Es geht als nicht um eine ärztliche Zweitmeinung?

Nein. Wenn wir finden, dass eine solche nötig ist, geben wir eine Liste mit Ärzten ab, von denen wir wissen, dass sie sich keinen persönlichen Vorteil verschaffen wollen und die unsere Weltanschauung teilen.

Worin besteht diese?

Der Mensch ist ein komplexes Wesen, nicht nur etwas Mechanisches. Es gibt auch eine psychologische und eine spirituelle Ebene, die mindestens so viel zum Wohlbefinden beitragen, wie die klassische Medizin.

Meinen Sie mit Spiritualität Selbstheilungskräfte?

Ja, aber auch Religion. Oder wie man am Ende des Lebens mit dem Tod umgeht.

Sind Sie selbst spirituell?

Ich denke schon, ja.

Wie äussert sich das?

Da bin ich überfragt. Ich weiss nicht wie, aber ich bin es.

Café Med

Jeden zweiten Montag 15–18 Uhr im Bistro Chez Marion am Zähringerplatz in Zürich. Beratung durch Fachärzte und Psychologinnen. Unterstützt von der Akademie Menschenmedizin. Link zur Webseite

SERIE

Unnötig teure Medizin

Mehr über Ärzte-Boni und weitere falsche Anreize bei den Arztgehältern liest du im Beitrag Ärzte-Boni beeinflussen die Behandlung.

Im 1. Teil des Interviews liest du, warum das Gesundheitswesen immer teurer wird und was Brida von Castelberg vorschlägt, um das zu ändern.

Das Interview mit Brida von Castelberg entstand im Rahmen der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.