Kaum schweben die ersten Harfenklänge durch den Versammlungssaal des Pollsmoor-Gefängnisses in Kapstadt, Südafrika, treten den Zuhörern Tränen in die Augen. Aufseherinnen in blauen Uniformen nesteln verstohlen nach einem Taschentuch; hartgesottene Burschen in oranger Häftlingskluft beissen auf ihre zitternden Unterlippen. Ein Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens hält den bewegenden Moment fest. «Dieses Konzert war Teil eines Projektes rund um die Wirkung von Musik auf Menschen in Extremsituationen», sagt der Zürcher Harfenist Andreas Vollenweider. Als wäre ein solcher Test nach mehr als 30 Jahren Bühnenpräsenz und 15 Millionen verkaufter Alben noch nötig gewesen. Auch im Hochsicherheitstrakt gewinnen die Gefühle Oberhand und vereinen Aufseher und Insassen, Weisse und Schwarze. «Andreas’ Musik wirkt wie eine wohltuende Massage nach einem harten Arbeitstag», sagt der südafrikanische Musiker Pops Mohamed in dem Film.

Wann er zu musizieren begonnen hat, weiss Andreas Vollenweider nicht. «Ich kann mich nicht an eine Zeit ohne Musik erinnern», sagt er beim entspannten Interview in seinem Haus unweit des Zürcher Zoos. Und weil es in seiner Familie Maler, Bildhauer, Schauspieler, Tänzer und Schriftsteller gab, war für ihn immer völlig klar, dass auch er etwas Künstlerisches machen wollte. Schon im Schulalter spielte er mindestens ein Dutzend Instrumente. Das heisst, er spielte sie nicht nur, er beherrschte auf ihnen die höchste musikalische Kunst: die freie Improvisation. Dazu angeregt wurde er von seinem Vater Hans Vollenweider, Organist am Zürcher Grossmünster. «Mit ihm zu kommunizieren, war eigentlich nur über die Musik möglich», erzählt Vollenweider. «Das war manchmal auch recht problematisch. Ich wäre gerne mit ihm Fischen gegangen, wollte ihm die Seifenkiste zeigen, die ich gebaut hatte, oder das frisierte Töffli.» Doch für den Vater gab es nur die Musik. «Irgendwann begriff ich, dass er diese Welt offenbar nur mit der Musik ertragen konnte.» So verbrachten die beiden ungezählte Stunden mit musikalischen Zwiegesprächen; zuhause gemeinsam am Klavier oder aber im Grossmünster: Andreas auf verschiedenen Blasinstrumenten und Vollenweider Senior auf der mächtigen Kirchenorgel, einer der grössten Europas. Einige solcher Dialoge sind dokumentiert auf dem gemeinsamen Album Traumgarten. Anfänglich passte sich der Vater dem kindlichen Spiel seines Sohnes an, doch als dieser älter wurde, begann er, seine Leidenschaft für komplexe Musik auszuleben. «Mit seinen Improvisationen mitzuhalten, wurde später oft recht schwierig. Er liebte die superschrägen Harmonien», erinnert sich der heute weltberühmte Harfenist. Doch für Andreas war es die Schule für sein Leben. Mit 16 Jahren zog er aus dem elterlichen Haus am Zürichsee aus und widmete sich autodidaktisch ausschliesslich der Musik. Er wurde zum gefragten Multiinstrumentalisten in verschiedensten Bands.

Ein erstes eigenes, ambitioniertes Projekt entstand um 1970 zusammen mit dem Gitarristen und Germanisten René Bardet und dem vielseitigen Musiker Orlando Valentini. Als Poesie & Musik präsentierten sie Texte von Heinrich Heine. «Das war eine sehr politische Angelegenheit», erinnert sich Vollenweider. Doch ihm sei es anfangs vor allem um die Musik gegangen. Bis ihm Bardet eines Tages ein politisches Bekenntnis abverlangte. «Das war ein Weckruf», erzählt Vollenweider, der damals 18 Jahre zählte. «Ich habe begriffen, dass Musik eine innere Haltung ausdrückt.» Diese Haltung, so Vollenweider, spiegle sich auch in den Beziehungen, im sozialen Engagement, im Konsumverhalten, im Umgang mit der Umwelt – oder wie man seine Kinder erzieht. Das Trio orientierte sich stark an linkem bis kommunistischem Gedankengut und war in entsprechenden Kreisen europaweit gefragt. «Wir hatten uns alles sehr genau überlegt», sagt Andreas Vollenweider heute nicht ohne Selbstironie, «nur haben wir nicht begriffen, dass unsere Welt für eine solche ideologische Rosskur noch lange nicht reif genug war.»

Bis heute sind Politik und Musik für den Harfenisten untrennbar. Zwar gibt es viele Künstler, die als Botschafter für eine gute Sache auftreten oder Geld spenden. Wenn sich aber Vollenweider über Jahrzehnte mit dem Zürcher Hilfswerk Rokpa für Strassenkinder in Kathmandu (Nepal) einsetzt oder auf dem Roten Platz in Moskau für die von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl betroffenen Kinder spielt, sind es keine Nebenjobs, sondern Teil seines Selbstverständnisses.

Doch die Konsequenz, mit der er sich selbst treu bleibt, bringt Musiker, Plattenfirmen und Management manchmal ziemlich auf die Palme. «Er hätte viel mehr Geld verdienen können», sagt sein ehemaliger Manager Hugo Faas in dem Dokumentarfilm. «Alle wollten seine Musik: von der Zahnpastawerbung bis zum Sexfilm. Doch Andreas hat alle Angebote abgelehnt.»

Bis es allerdings so weit war, musste der rebellische Zürcher Jugendliche noch das finden, was ihn später weltweit einzigartig machen sollte. Er fand es 1975 in einem Trödlerladen: eine kleine Harfe. Das Instrument fehlte noch in seiner Sammlung und wurde bald schon zu seiner grossen Liebe. «Harfe spielen hat etwas Inniges», sagt Vollenweider, «weil man sie umarmt. Die Musik wird so zum Klang des eigenen Körpers.» Er entwickelte eine eigene Spieltechnik und modifizierte das Instrument nach seinen Bedürfnissen. Dann veröffentlichte er 1979 seine erste Langspielplatte: Eine Art Suite in XIII Teilen. Gemeinsam mit Andreas Vollenweider sind darauf einige der besten Schweizer Musiker vereint, und Vater Vollenweider kommt mit einem Orgelsolo zu Ehren.

Das Erscheinen des Albums fällt mit der politischen Bewegung der Zürcher Jugendunruhen von 1980 zusammen, wie zuvor schon Poesie & Musik mit der Achtundsechziger-Bewegung zusammengefallen war. Dies war nicht direkt geplant, aber auch kein Zufall. Anfänglich sympathisiert Vollenweider mit der unzufriedenen Zürcher Jugend; doch dann wird ihm die Bewegung zu gewalttätig. «Ich ziehe den sanften Widerstand vor», sagt er, «er ist langfristig effektiver» und bezieht sich damit nicht nur auf die Zeit von damals, sondern auf sein ganzes Leben.

1981 gibt die Band Andreas Vollenweider & Friends ihr erstes Konzert am weltweit angesehenen Montreux Jazzfestival: eine Harfe und vier Schlagzeuger. Im Herbst darauf erscheint das Album Behind the gardens – behind the wall – under the tree. Fachwelt wie Publikum feiern es frenetisch. Es ist Harfenmusik, wie man sie noch nie gehört hat. Vollenweider hat zusammen mit seinem getreuen Weggefährten, dem kongenialen Tüftler und Tontechniker Hanspeter Ehrsam, das Instrument weiterentwickelt. An jeder der 44 Saiten ist ein Mikrofon und ein Tonabnehmer angebracht, mit einem ausgeklügelten Dämpfer lassen sich beliebig kurze Töne spielen, was die Musik rhythmischer und moderner macht: der einzigartige Vollenweider-Sound ist geboren.

Der weltweite Durchbruch kommt 1984. Das Album White Winds schafft den Sprung in die amerikanischen Charts. Und zwar in drei verschiedenen Kategorien: Pop, Klassik und Jazz. Auf der folgenden USA-Tour sind die grössten Hallen ausverkauft – von der Carnegie Hall in New York über das Washingtoner Kennedy Center bis zum Universal Amphitheatre von Los Angeles. Und mit dem nächsten Album Down To The Moon erreicht Vollenweider, was zuvor keinem Schweizer gelungen ist: Er gewinnt einen Grammy, den Oscar der Musikindustrie. Wobei die Auszeichnung auch etwas Kurioses an sich hat. Zwar machen die Plattenläden mit Vollenweiders Alben gute Geschäfte; aber sie haben auch ihre liebe Mühe damit: Man weiss nicht so recht, was das eigentlich für Musik ist. Bis jemand dafür eine neue Bezeichnung findet: New Age. Das passt in die allgemeine Neuorientierung und die Ökologisierungswelle der frühen Achtzigerjahre – und zu Andreas Vollenweiders Engagement für Umweltschutz, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Flugs wird für das neue Genre auch ein eigener Grammy geschaffen. Natürlich habe der Preis ihn gefreut, erzählt Andreas Vollenweider rückblickend. «Doch ich habe mich immer gegen die Schubladisierungen gewehrt.» Denn sie habe ihn auch Publikum gekostet. «Zuvor sassen in unseren Konzerten die Opernliebhaberin genauso wie der Hard-Rock-Fan.» Doch mit der Etikette New Age wussten viele nichts mehr anzufangen. Und dass seine vielschichtigen Kompositionen als Entspannungsgesäusel für gestresste Manager gehandelt werden, störte Andreas Vollenweider erst recht. Mit der für ihn typischen Konsequenz bleibt er der Grammy-Verleihung fern und macht lieber mit seiner Frau Beata Ferien im australischen Regenwald.

Verweigerung prägen auch die Jahre danach. Weil das Paar eine Familie gründet, verzichtet der Musiker fortan auf längere Tourneen. Lieber widmet er sich zu Hause seinen drei Kindern. Anstatt um den Globus zu jetten, holt er die Welt zu sich ins eigene Studio am Zürichsee. Vier Jahre lässt er sich Zeit für das Album Dancing with the Lion. Entstanden ist eine akustische Reise, die klassische Streicher, Flamencogitarren und afrikanische Knochenrasseln vereint.

Der Tanz mit dem Löwen erobert auch noch den letzten Kontinenten: Afrika. Dies ohne dass Vollenweider dort je aufgetreten wäre. Doch irgendwie scheint eine gegenseitige Liebe vorgegeben. Beim Komponieren des Stücks Pearls and Tears war Vollenweider in Gedanken in Südafrika, dessen Rassendiskriminierung ihn sehr beschäftigte und wo seine Schwester seit Jahrzehnten wohnt. «Ich überlegte mir, dass die bis aufs Blut gequälte schwarze Mehrheit das perverse System der Apartheid nur mit der Kraft des Verzeihens überwinden kann.» Pearls and Tears verbreitet sich in Südafrika wie ein Lauffeuer, die Leute machten ihre eigenen Texte dazu und sangen das Lied während der Proteste Ende der Achtzigerjahre in den Townships. «Die Musik fühlt sich wie afrikanische Musik an», sagte Pops Mohamed. «Viele Leute glaubten, der Komponist sei ein Schwarzer und waren vollkommen überrascht, als sie Andreas das erste Mal gesehen haben.»

Auch nach dem Zusammenbruch des Apartheid-Regimes spielt Südafrika eine wichtige Rolle in Vollenweiders Karriere. Der Schweizer musiziert mit Künstlern wie Ladysmith Black Mambazo und Abdullah Ibrahim und tritt immer wieder am Kap der guten Hoffnung auf. Doch gegen die Verehrung, bisweilen fast Vergötterung, die er auf dem schwarzen Kontinent erfährt, wehrt er sich genauso heftig wie gegen die Vereinnahmung durch den westlichen Kommerz. So setzt er sich denn auch mal mit seiner Harfe, zusammen mit Walter Keiser an einer einfachen Trommel und einem lokalen Mitmusiker, in einem Armenviertel an eine Strassenecke, um zu spielen.

Der Star will kein Gott sein – und erst recht kein Guru, wie die Geschichte seiner Kleider zeigt. Irgendwann sei er darüber erschrocken, dass an seinen Konzerten immer mehr Leute weiss gekleidet waren – wie er selbst. Doch sein Weiss war keine Botschaft, sondern hatte den einfachen Grund, dass man ihn so auf der Bühne inmitten all der vielen Instrumente überhaupt sehen konnte. Vollenweider wechselte auf Rot, dann auf Grün; und prompt folgen ihm die Fans. «Gebessert hat es erst, seitdem ich Schwarz trage», sagt er und schmunzelt.

Die über dreissigjährige Karriere brachte den Meister der sphärischen Klänge mit unzähligen Weltstars zusammen – mit Luciano Pavarotti, Bryan Adams, Zucchero, Bobby McFerrin, Milton Nascimento und mit vielen anderen. Er schrieb Werke für Orchester und die Symphonien Wolkenstein und Tales of Kira Kutan. Ob ein Projekt kommerziell erfolgreich ist, spielt für Andreas Vollenweider weniger eine Rolle, als dass es für ihn Sinn macht. Es geht ihm ums Suchen und ums Ausprobieren – und er wird dabei auch mal zum Geburtshelfer für die Karriere anderer. Auf dem Album Air wollte er neben der Harfe möglichst viele «Luftinstrumente» erklingen lassen. Für die Perkussion fand er auf Youtube eine bis dahin relativ unbekannte Beatboxerin aus Bern. Kurzerhand engagierte er die 22-Jährige für sein Album und nahm sie 2009 auf eine ausgedehnte Tournee mit – ein Gewinn für Vollenweiders Musik und der Anfang des Durchbruchs für Steff la Cheffe. Was sein nächstes Projekt sein wird, weiss er noch nicht. «Ich war immer auf der Suche», sagt der Musiker, der sich selber lieber als Geschichtenerzähler bezeichnet. «Und bin es immer noch.»

Dieses Porträt stammt aus dem Buch «Zürcher Pioniergeist» (2014). Es porträtiert 60 Zürcherinnen und Zürcher, die mit Ideen und Initiative Neues wagten und so Innovationen schufen. Das Buch kann hier bestellt werden.
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