Das musst du wissen

  • Arbeitssüchtige können nicht aufhören zu arbeiten, obwohl keine Mehrarbeit von ihnen verlangt wird.
  • Sie gefährden ihre Gesundheit und ihre Beziehungen und schaden ihrem Arbeitgeber.
  • Eine Verhaltenstherapie oder eine Selbsthilfegruppe wie die Anonymen Arbeitssüchtigen können helfen.
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Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Doch grosses Engagement am Arbeitsplatz hat auch Schattenseiten. Forschende sprechen von Arbeitssucht oder Workaholismus, wenn der Arbeitseifer krankhaft wird.

Aber was heisst das genau? Ist eine Person schon arbeitssüchtig, wenn sie viele Überstunden leistet? Zwar gibt es keine einheitliche Definition für Arbeitssucht. Es finden sich aber ein paar Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Definitionsversuchen: Workaholics fühlen sich aufgrund eines inneren Drucks gezwungen zu arbeiten. Sie denken ständig an die Arbeit, auch wenn sie nicht arbeiten. Obwohl sie keinen finanziellen Druck haben und Vorgesetzte es nicht verlangen, arbeiten sie weitaus mehr als sie müssten. Dabei nehmen sie auch negative Konsequenzen in Kauf, zum Beispiel Probleme in der Beziehung.

Workaholics: Engagiert oder süchtig?

Aber gibt es nicht auch Menschen, die viel mehr arbeiten als ihre Kolleginnen und Kollegen, weil es ihnen Freude bereitet? Die meisten Forschenden sind sich einig, dass ein hoher Arbeitseinsatz, der positiv erlebt wird, eher als Arbeitsengagement bezeichnet werden sollte. Engagiert Arbeitende leisten viel, weil es ihnen Freude bereitet.

Workaholics hingegen verspüren den inneren Druck, ständig, viel oder exzessiv arbeiten zu müssen, selbst wenn es ihnen keine Freude macht. Der Übergang zwischen diesen beiden Polen ist allerdings fliessend: «Viele Menschen denken, dass sie gar nicht süchtig sein können, wenn ihnen die Arbeit Freude bereitet, das ist aber ein Mythos», sagt Ute Rademacher, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management in Hamburg. «Am Anfang macht es ja auch Alkoholikern Spass, sich zu betrinken. Die negativen Folgen einer Abhängigkeit werden erst nach einer gewissen Zeit sichtbar.»

Bin ich ein Workaholic?

Nicht alle, die mal zu viel arbeiten oder sich durch den Job gestresst fühlen, sind tatsächlich arbeitssüchtig. Forschende vermuten, dass rund zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung Workaholics sind. Arbeitnehmende im Management und in speziellen Sektoren wie der Landwirtschaft oder der Kommunikationsbranche gelten als besonders gefährdet.

Wie aber kann man erkennen, ob man selbst betroffen ist? Erste Hinweise kann zum Beispiel der Work Addiction Risk Test liefern, den man hier selbst ausfüllen kann. Er will zur Selbstreflexion animieren, ersetzt aber keine Diagnose.

Und auch ohne Test ist eine erste Selbsteinschätzung möglich. Ute Rademacher empfiehlt, nicht nur darauf zu schauen, wie viel man arbeitet, sondern auch zu ergründen, wie man sich ohne Arbeit fühlt: «Wie selten oder oft fühle ich mich gut, wenn ich nicht arbeite, sondern nur die Beine hochlege? Fühle ich mich auch dann wertvoll und ausgefüllt, wenn ich mal gar nichts tue?»

Ursachen der Arbeitssucht

Weshalb tun sich manche Menschen den ungesunden Arbeitseifer an? Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Grund genau wie bei anderen Süchten in einer Kombination aus verschiedenen Faktoren liegt. Dazu gehören zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl und Zwangsstörungen sowie eine schwere Kindheit.

Aber auch das Umfeld des Workaholics könnten die Sucht begünstigen. Dazu gehört, dass Arbeitssüchtige das Verhalten ihrer Eltern, Kollegen oder Chefinnen beobachten und nachahmen, oder dass sie sich vom Bonussystem ihres Unternehmens zur Arbeit getrieben fühlen. Das Problem aller Theorien rund um die Entstehung der Arbeitssucht ist allerdings, dass sie noch nicht ausreichend belegt sind.

Science-Check ✓

Studie: The Relationships between Workaholism and Symptoms of Psychiatric Disorders: A Large-Scale Cross-Sectional StudyKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie hat Einschränkungen: Es ist nicht geklärt, ob psychiatrische Symptome wie Angststörungen oder Depressionen Workaholismus tatsächlich begünstigen – oder ob die Probanden zuerst arbeitssüchtig wurden und erst danach psychiatrische Symptome entwickelten. Zudem basieren die Daten nur auf den Selbsteinschätzungen der Teilnehmenden.Mehr Infos zu dieser Studie...

Kann das Homeoffice während der Corona-Zeit arbeitssüchtig machen?

Ob die Homeoffice-Pflicht während der Corona-Pandemie Menschen in die Arbeitssucht treibt, muss erst noch erforscht werden. Was Ute Rademacher bisher dazu sagen kann: Wem es generell wichtig ist, ein gesundes Leben zu führen und wer klare Grenzen setzen kann, sei dazu wahrscheinlich auch während der Telearbeit in der Lage. Sie empfiehlt: «Man sollte nicht schon im Schlafanzug die E-Mails checken, sondern in Ruhe frühstücken, vielleicht etwas Frühsport machen und dann zu den gewöhnlichen Arbeitszeiten am Rechner sitzen.»

Wer allerdings schon vorher Probleme hatte, sich abzugrenzen, werde im Homeoffice vermutlich stärkere Schwierigkeiten haben. «Im Büro würde womöglich ein Kollege fragen, ob man zum Mittagessen mitkommen möchte. Zuhause passiert das nicht – und man isst das Sandwich vielleicht regelmässig vor dem Computer.» Und wer im Homeoffice auch spät am Abend arbeitet, merkt nicht, dass alle anderen schon im Feierabend sind.

Die Folgen der Sucht

Burn-out, Schlafprobleme, Bluthochdruck: Arbeitssucht kann schwere Folgen haben – und auch das Umfeld muss mit negativen Konsequenzen rechnen. Workaholics berichten von angespannten Verhältnissen gegenüber ihren Kindern oder zerbrochenen Beziehungen.

Nicht einmal dem Arbeitgeber nützt die Arbeitssucht eines Angestellten: «Langfristig bringen Arbeitssüchtige weniger Leistung, weil ihnen die nötige Erholung fehlt», sagt Ute Rademacher und erklärt: «Bei lange andauerndem Stress erhöht sich bei jedem Menschen die Wahrscheinlichkeit, Fehler zu machen. Man vergisst Termine oder übersieht Wichtiges. Ausserdem sind Arbeitssüchtige meist keine guten Teamplayer, weil sie meinen, alles selbst am besten zu machen.»

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Wie löse ich das Problem?

Wer eine Alkoholsucht in den Griff kriegen will, muss das Trinken aufgeben. Bei einer Arbeitssucht ist es komplizierter. Gar nicht mehr zu arbeiten ist für die meisten Menschen nicht möglich. Sie müssen ja Geld erwirtschaften, um zu leben. «Arbeitssüchtige müssen einen Weg finden, anders zu arbeiten», empfiehlt Ute Rademacher. Wer aber nicht einmal ein paar Stunden lang abschalten kann, könne kaum allein aus der Sucht herausfinden. Die Wirtschaftspsychologin rät in solchen Fällen zu professioneller Unterstützung. Das könne zum Beispiel Coaching oder eine Psychotherapie sein, in welcher auch die Ursachen für die Abhängigkeit erforscht werden kann. «Dabei können Betroffene ergründen, weshalb sie sich nur dann wertvoll fühlen, wenn sie etwas zu tun haben. Wie ging zum Beispiel die Familie des Arbeitssüchtigen mit dem Thema Leistung um?», sagt Ute Rademacher.

Auch eine Selbsthilfegruppe kann laut der Wirtschaftspsychologin helfen. Dort tauschen sich Betroffene regelmässig aus und können sich gegenseitig bei den nötigen Lebensveränderungen unterstützen.

Sprichwörter, die den Fleiss feiern, haben also nicht immer recht. Manchmal sollte man sich lieber an Mark Twain halten, der einmal geschrieben hat: «Verschiebe nicht auf morgen, was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann.»

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