Das musst du wissen

  • Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft: Wir besitzen mehr als nötig und ersetzen das, was wir haben, stets mit Neuem.
  • Oft wird der Vorwurf laut, Hersteller würden ihre Produkte so konzipieren, dass sie nur eine kurze Lebensdauer haben.
  • Belege dafür hat die Forschung kaum gefunden. Über die Lebensdauer von Gütern weiss man aber immer noch wenig.

Heike Weber


Heike Weber ist Professorin für Technikkulturwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Umwelt- und Konsumgeschichte des 20. Jahrhunderts, worunter auch Themen wie Abfall und Recycling fallen.

Heike Weber, Plastikinseln im Ozean, jedes Jahr ein neues Handy, und den Kaffee trinken wir sowieso nur noch aus dem Einwegbecher – leben wir heute in einer Wegwerfgesellschaft?

Ja, das würde ich durchaus unterschreiben. Ich wüsste nicht, wie wir es anders nennen sollten. Heutzutage besitzt ein Haushalt mehrere Tausend Dinge. Oftmals wissen wir gar nicht, was wir alles noch irgendwo in einer Schublade oder im Keller lagern. Wenn man das mit Verhaltensweisen aus dem 19. Jahrhundert vergleicht, wo die wenigen Besitztümer lange aufbewahrt wurden, dann kann man die derzeitige Gesellschaft nur als Wegwerfgesellschaft bezeichnen.

Trotz Recycling?

Ja, trotz Recycling. Zwar ist Müllrecycling vielen Leuten sehr wichtig. Doch von den vielen Dingen, die heute rezykliert werden, wird nur ein kleiner Anteil stofflich wiederverwertet. Der Rest wird verbrannt. Ausserdem beziehen die Statistiken die ganzen Restmengen, die wiederum beim Recycling entstehen oder übrig bleiben, bis jetzt noch gar nicht mit ein. Das viele Recycling zeigt sogar, dass wir wirklich in einer Wegwerfgesellschaft leben. Der Konsument des 21. Jahrhunderts wirft Dinge weg und hortet sie nur zwischenzeitlich, um sie später dann in die passenden Tonnen zu werfen.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit der Lebensdauer von Gütern. Die Rede ist von einem «geplanten Verschleiss». Was bedeutet das?

Wir wissen alle, dass technische Produkte und Dinge des Alltags verschleissen. Das ist zunächst normal: Sie altern materiell – einfach indem wir sie benutzen und sie dann abgenutzt werden. Der Vorwurf des «geplanten Verschleisses» behauptet nun, dass Hersteller absichtlich die Lebensdauer eines Produktes verkürzen. Dabei geht es nicht um diesen materiellen Abnutzungsprozess, sondern um einen zusätzlichen, vom Hersteller absichtlich in das Produkt eingelassenen Verschleiss. Heute hört man diesen Vorwurf zum Beispiel in Bezug auf Drucker, von denen es heisst, dass die so gebaut seien, dass sie nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten einfach kaputtgehen. Das bekannteste Beispiel stammt allerdings aus der Frühzeit des 20. Jahrhunderts: die Glühlampe. Die wurde in den 1920er-Jahren tatsächlich in einer kartellartigen Struktur vonseiten der Produzenten auf rund 1000 Stunden Glühdauer beschränkt. Das war dann natürlich eine begrenzte Lebensdauer. Zugleich war es aber auch eine Standardisierung der Nutzungszeit, denn früher waren Glühlampen je nach Qualität teils wesentlich länger, teils aber auch wesentlich kürzer haltbar.

Santina Russo

War das erste Produkt mit absichtlich beschränkter Lebensdauer: die Glühlampe.

Dann gibt es diese Verschleiss-Debatte also schon länger?

Die Verschleiss-Debatte ist ein Kind der Massenkonsumgesellschaft, welche sich in den USA bereits in der Zwischenkriegszeit durchgesetzt hat. Im Zusammenhang mit der damaligen wirtschaftlichen Rezession tauchte dann auch zum ersten Mal der Gedanke auf, die Lebensdauer von Produkten zu terminieren. Der Vorschlag lautete, mit einem exakt terminierten Ende von Produkten den Umsatz und die Konjunktur anzukurbeln und so die Wirtschaftskraft der USA zu steigern. Das waren natürlich provokative und auch sofort umstrittene Ansichten. Es gab damals schon kritische Stimmen von Menschen, die sich auf die Seite der Konsumenten stellten und sich über kurze Lebensdauern beklagten. Das, was wir aber heute unter dieser sogenannten Verschleiss-Debatte diskutieren, ist vor allem eine Debatte der Nachkriegszeit, als der Massenkonsum auch in europäischen Gesellschaften Fuss fasste. Vor allem in den 1970er-Jahren wurde erstmals breit über das Thema diskutiert.

Warum gerade dann?

Damals kam die Debatte aus zwei Gründen auf: Zum einen waren die 1970er-Jahre in Westeuropa das erste Jahrzehnt, in dem sich der Massenkonsum vollkommen durchsetzte und man sich mit Wegwerfwaren wie Plastikbesteck und der nun sogenannten Wegwerfmentalität auseinandersetzte. Zum anderen kamen in den 1970ern Umweltpolitik und Umweltdenken zum ersten Mal so richtig auf. Was den Vorwurf des geplanten Verschleisses natürlich beförderte.

Produkte waren nicht mehr so langlebig.

In den 1970er-Jahren setzte sich in der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise die Massenmotorisierung durch und Haushalte schafften sich nicht mehr ihr erstes, sondern ihr zweites oder drittes Auto an. Und da wurde dann tatsächlich der Vorwurf laut, dass manche Automodelle sogenannte Sollbruchstellen hätten. Es hiess, die Auspuffe der Autos seien schlecht konstruiert und würden schnell abfallen. Ausserdem seien die Bleche zu dünn, nicht mehr verzinkt und daher korrosionsanfällig. Man warf den Produzenten also vor, ihre Autos extra so zu bauen, dass sie schneller kaputtgehen – ähnlich wie es heute den Produzenten von Handys oder Druckern vorgeworfen wird. Die Sachlage war umstritten und einige Verbrauchervertretungen vermeldeten tatsächlich mangelhafte Konstruktionen.

Gibt es denn konkrete wissenschaftliche Belege, die diesen Vorwurf des geplanten Verschleisses untermauern?

Belege gibt es eher für das Umgekehrte. Allerdings sind das nur ein paar Beispiele, wo systematisch versucht wurde, die Lebensdauer von Produkten zu verlängern. Beispielsweise experimentierte Porsche 1973 mit dem «Langzeit-Auto», das auf maximale Ressourcenschonung und Lebensdauer sowie ein modulares Design ausgelegt war – aber nie realisiert wurde. Was wir wissen ist, dass es den Produzenten mehrheitlich nicht darum ging, Lebensdauer explizit zu erhöhen. Und es existieren natürlich gewisse Faustregeln. Zum Beispiel gehen wir bei einer Waschmaschine davon aus, dass sie zehn, zwölf Jahre hält. Dazu gibt es auch einige Nutzerstatistiken. Aber wenn man bedenkt, wie intensiv die Verschleiss-Debatte schon seit den 1970er-Jahren geführt wurde, ist es erstaunlich, wie wenig wir eigentlich über die tatsächliche Lebensdauer von Produkten wissen. Weder wissen wir etwas über die Konsumenten, also wie lange sie im Durchschnitt ihren Staubsauger oder Kühlschrank benutzen und warum sie diese Geräte gegen neuere Modelle austauschen. Noch wissen wir, wie die Produzenten eigentlich zu ihren Lebensdauerannahmen kommen. Und natürlich haben sie welche.

In einer Ihrer Arbeiten schreiben Sie, dass die Verschleiss-Debatte einer Suche nach den Schuldigen gleichkommt und nur davon ablenkt, konkrete Massnahmen gegen die Wegwerfgesellschaft zu schaffen.

Genau. In dem Sinne ist die Debatte kontraproduktiv, denn sie schliesst die Eigenverantwortung der Konsumenten aus. Zumindest in Teilen aber hat sie auch dazu beigetragen, dass mehr und mehr Leute endlich wieder über die Lebensdauer von Gütern nachdenken. Was aber noch fehlt, ist die Reflexion darüber, wie lange ich eigentlich selber gewillt bin, ein Produkt zu benutzen. Es hilft nicht, einseitig nach Schuldigen zu suchen, sondern ich muss auch das eigene Konsumverhalten transparent machen. Wir als Konsumenten haben ebenfalls eine gewisse Verantwortung. Und wenn wir uns ein Produkt nur anschaffen, weil es zum Beispiel die stylischere Variante ist, dann spielen wir das Spiel der kurzen Lebensdauern mit.

Aber sollte nicht vielleicht die Politik oder die Industrie etwas tun?

Es wäre dringend, mehr auf reparierbares Design zu achten. Produktdesigner und Konstrukteure sollten Reparieren, Recycling und Entsorgen beim Entwerfen mitbedenken und entsprechend ausgebildet werden. Beispielsweise sollten Produkte so konzipiert sein, dass einzelne Bauteile ausgewechselt und so zum Beispiel auf den neusten Stand der Technik gebracht werden können, wie es das damals gescheiterte «Langzeit-Auto» von Porsche vorgesehen hatte. Heute kennt man so ein modulares Design vom Fairphone, dem Smartphone, bei dem einzelne Teile austauschbar sind. Dann sollte jeder Produktehersteller damit konfrontiert werden, wie sein Produkt zu entsorgen ist. Das heisst, die Produktion müsste bereits an das Entsorgen denken und für Weiterverwendbarkeit sorgen. Im Grunde geht es um ein viel stärker kontrolliertes Produzieren, als wir es bisher haben. Und es wäre gut, wenn es so etwas wie ein Siegel für die Nutzungshäufigkeit gäbe, welches transparent darüber informiert, von welcher Lebensdauer man bei diesem Produkt ausgehen kann – eine Forderung, die übrigens bereits in den 1970er-Jahren gestellt wurde.

Was können wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen?

Neben der Forderung, anders zu produzieren, bedeutet das vor allem Degrowth. Das heisst, weniger kaufen, weniger nutzen und Dinge länger behalten. Weniger ist mehr!

Dieser Beitrag erschien erstmals im doppelpunkt.
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