Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Farben! Albert Hofmann sah Farben. Er sah fantastische Formen, eine wogende Welt und Fontänen funkelnder Farben. Farben hatten auch ganz am Anfang seiner Erfindung gestanden: am Anfang der Basler Chemie. Im 19. Jahrhundert waren am Rhein textile Schnörkel fabriziert worden: Quasten, Bändel, Bordüren, kunstvoll verarbeitet – und gefärbt. Die Färber begannen die chemischen Prozesse zu verstehen und aus diesem Wissen entstand die pharmazeutische Industrie.

Teil jener Branche war die Firma Sandoz, wo Hofmann am Freitag 16. April 1943 im Labor stand und ein Kreislaufmittel suchte. Er besann sich auf Lysergsäurediethylamid, eine Substanz, die er fünf Jahre zuvor ergebnislos beiseitegelegt hatte. Er kramte sie wieder hervor und kam dabei wohl mit Dämpfen in Berührung, jedenfalls begab er sich benebelt nach Hause. Also testete er am nächsten Montag eine winzige Menge LSD.

Albert Hofmann tüftelt in seinem Chemielabor in Basel – hier entdeckte er das LSD.Firmenarchiv der Novartis AG

Albert Hofmann tüftelt in seinem Chemielabor in Basel – hier entdeckte er das LSD.

In Stalingrad kesselten die Russen die Wehrmacht ein, in Warschau erhoben sich die Juden im Ghetto, in Frankreich durchkämmte die SS die Hinterhöfe und in Basel setzte sich Albert Hofmann nach dem Selbstversuch aufs Fahrrad und fuhr nach Hause. Es war eine verstörende Erfahrung. Der Raum wogte und zerfiel. Erst als Hofmann daheim auf dem Bett lag, wurde der Trip zu einer Stunden dauernden Traumreise. Am nächsten Morgen trat Hofmann in seinen Garten: «Alles glitzerte und glänzte in einem frischen Licht. Die Welt war wie neu erschaffen.»

Kopfwehpillen, Krebstherapien, Impfungen: Erfindungen der Basler Pharmaindustrie haben viele Leben verbessert, aber kein Mittel entfaltete die Wirkung von LSD. Und kein Halluzinogen war so potent: mit 10 Kilo LSD hätte Hofmann die ganze US-Bevölkerung auf einen Trip schicken können. Und genau dort, in den USA, experimentierten nach dem Krieg immer mehr Menschen mit der Substanz.

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Erst Armee und Geheimdienste, dann Forscher, Künstler und schliesslich eine immer breitere Masse junger Leute. Die Hippie-Kultur, ihre Formen und Farben, Flower-Power und die Anti-Vietnamkriegsbewegung: viele wurden von LSD inspiriert. Pink Floyd, Steve Jobs und die Beatles. Und bei diesen speziell das Lied «Lucy in the Sky with Diamonds».

Für Hofmann war LSD ein Zaubermittel, eine heilige Droge, die die Sinne verstärkte und das Bewusstsein erweiterte – und eine Substanz, für die er einen verantwortungsvollen Umgang forderte. Vergebens: der Konsum breitete sich rasch aus und 1966 wurde LSD in den USA verboten. Europa zog in den 1970er-Jahren nach. Die seriöse LSD-Forschung kam damit zum Erliegen und die experimentierfreudige Jugend wich auf andere Substanzen aus.

Hofmann selbst konsumierte LSD bis ins hohe Alter. 102 Jahre wurde er und damit alt genug, um noch zu erleben, wie die Verbote rund um seine Erfindung immerhin ein kleines bisschen gelockert wurden.

PS: Der Zusammenhang zwischen «Lucy in the Sky» und LSD war jahrzehntelang Gegenstand von Spekulationen. 2004 hat Paul McCartney in einem Interview mit dem Musikmagazin Uncut bestätigt, dass sich der Titel tatsächlich auf LSD bezieht.

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