Das musst du wissen

  • Die Lutschtablette Gly-Coramin enthält 0,125 Gramm Nikethamid.
  • Die Substanz regt die Atmung und den Kreislauf an und wird gegen Überdosierungen von Schlafmitteln eingesetzt.
  • Dass die Substanz sich für Doping eignet, dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege.
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Die Lutschtablette Gly-Coramin gehört für viele bei Wanderungen zum Standardgepäck. Wenn der Körper gegen Ende einer Tour schlapp macht, verleiht einem das Mittel nochmals Energie. Manche lutschen das Bonbon auch schon vor der sportlichen Leistung. Es ist frei im Handel erhältlich, weil es als harmlos gilt.

Seine Inhaltsstoffe: neben Aromen vor allem Zucker. Eine Tablette enthält 1,1 Gramm handelsüblichen Kristallzucker. Daneben 0,2 Gramm Glukose, also Traubenzucker, den jedes Kind am Kiosk stangenweise kaufen kann. So weit, so unbedenklich. Zum Verhängnis wurde dem Schweizer Hürdenläufer Kariem Hussein der dritte Inhaltsstoff: 0,125 Gramm Nikethamid. Ein Psychostimulans, das auf der Liste der Dopingliste steht. Es ist im Training erlaubt, im Wettkampf aber verboten. Kariem Hussein aber konsumierte die Tablette während den Schweizer Meisterschaften von Ende Juni in Langenthal – und wurde deshalb nun für neun Monate gesperrt. «Mein Traum von den Olympischen Spielen in Tokio ist geplatzt. […] Eine Lutschtablette (Gly-Coramin) enthielt eine unerlaubte Substanz. Ich habe einen folgenschweren Irrtum begangen. Es tut mir leid», schrieb Hussein am 23. Juli auf Twitter.

Gegenmittel bei Vergiftungen mit Schlaftabletten

Synthetisiert wurde Nikethamid zum ersten Mal in den 1920-er Jahren von der Basler Firma Ciba Geigy. Die Substanz stimuliert im Wesentlichen die Atmung und den Kreislauf und wurde vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts als Gegenmittel bei Überdosierungen von Beruhigungsmitteln oder Schlafmitteln eingesetzt. Theoretisch ist also denkbar, dass es die Leistung im Sport steigert, weil man besser atmen kann. Jedoch finden sich in öffentlich zugänglichen Medizindatenbanken keine Belege für eine leistungssteigernde Wirkung im Sport. «Wenn ich mich mit Stimulans dopen wollte, würde ich es sicher nicht nehmen», sagt Mathias Kamber, der ehemalige Direktor von Antidoping Schweiz. Er führt die bei Hobbysportlern beliebte Wirkung von Gly-Coramin auf den darin enthaltenen Traubenzucker zurück.

Auch der Blick ins Arzneimittelkompendium deutet darauf hin, dass das Nikethamid in der Lutschtablette viel zu tief dosiert ist als dass es im Körper des Menschen eine Wirkung hätte. Die empfohlene Dosis, mit welcher nach einer Barbiturat-Überdosis die Atmung wieder angekurbelt werden kann, liegt bei 1,5 Gramm, also dem Zwölffachen dessen, was in der Tablette enthalten ist. Ausserdem wird heute vom Gebrauch der Substanz auch in Notfällen eher abgeraten, weil die pharmakologisch wirksame Dosis nahe bei der toxischen Dosis liegt. Die Anwendung ist also heikel.

Warum steht Nikethamid überhaupt auf der Dopingliste?

Stimulanzien sind im Sport generell verboten. Das macht durchaus Sinn bei solchen, die auf das Zentralnervensystem wirken. Also Aufputschmittel wie Amphetamine, Kokain oder Ephedrin. Sie steigern die motorische Aktivität und unterdrücken die Ermüdung. Sie erhöhen Risikobereitschaft, Konzentrationsfähigkeit und das Selbstvertrauen. Darum sind sie aber auch gefährlich, weil Athletinnen und Athleten unter dem Einfluss der Substanzen gerne über ihr Limit gehen – was lebensbedrohlich sein kann.

Was ist eigentlich Doping?

Zunächst ist festzuhalten, dass «Doping» keine rein medizinische oder chemische Definition ist, sondern mindestens ebenso sehr eine juristische und sportethische. Einfach gesagt: Doping ist alles, was verboten ist. Und verboten kann etwas aus drei Gründen sein: es hat eine leistungssteigernde Wirkung, es hat negative gesundheitliche Wirkungen oder es verstösst gegen das Gebot der Fairness.
Das betrifft nicht nur Substanzen, sondern auch medizinische Methoden oder Verfahren. Letzteres wäre zum Beispiel das so genannte Eigenblutdoping.
Wichtig zu wissen auch: Nicht jede Substanz ist in jeder Sportart zum Dopen geeignet. Beispiel Betablocker. Bei Schiessen ein hervorragendes Mittel, um den Kreislauf zu beruhigen, also weniger zu zittern, besser zu treffen. Und darum in dieser Sportart verboten. Wer hingegen im Sprint mit Betablockern in Blut an den Start geht, wird versagen, weil die Reaktionsschnelligkeit im Keller ist.

Nikethamid hingegen ist zwar auch ein Stimulans, wirkt aber nicht auf das Zentralnervensystem. Auf der Dopingliste scheint es eher ein Überbleibsel aus alten Zeiten zu sein. «Ich habe den Eindruck, es ist ein Ding der 70er-Jahre», sagt Ernst König, Direktor von Antidoping Schweiz, der bei der Verhängung der Strafe nicht beteiligt war – entschieden hat die Disziplinarkammer von Swiss Olympic. Er selbst habe bis zum Fall Hussein noch nie von Nikethamid oder Gly-Coramin gehört. Und ergänzt, dass man viel mehr solche Fälle entdecken würde, wenn es tatsächlich ein gebräuchliches Dopingmittel wäre.

Auch die Forschung kümmert sich heute kaum mehr um diese Substanz. In den Sechziger- und Siebziger-Jahren wurde sie noch rege erforscht. Seit 1996 befassten sich jedoch gerade mal 26 wissenschaftliche Artikel mit ihr. Allesamt auf zellulärer Ebene, einer mit Rennpferden einer mit Greyhounds – keiner im Zusammenhang mit menschlichen Athleten.

Verbotene Substanzen nicht selten in handelsüblichen Produkten

Auch andere handelsübliche und rezeptfrei erhältliche Medikamente enthalten Substanzen, die im Sport als Doping gelten. Zum Beispiel
Pseudoephedrin, das in vielen Erkältungsmitteln enthalten ist. Es wirkt auf die Schleimhäute abschwellend und ist darum in einigen bekannten Produkten enthalten: Vicks MediNait, Aspirin Complex, Benical, Fluimucil Grippe oder Panadol Antigrippine. Mit diesen Medikamenten darf sich, wer Leistungssport betreibt, wie alle anderen therapieren. Aber nur im Training. Es gilt höllisch aufzupassen, dass man die Mittel mindestens 48 Stunden vor einem Wettkampf absetzt, um nicht in die Dopingfalle zu tappen.

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Wie schwer sich selbst die Dopingbehörden mit solchen Substanzen tun, zeigt das Beispiel Pseudoephedrin: Im Jahr 2002 wurde es aus der Dopingliste des Internationalen Olympischen Komitees gestrichen. Steht aber seit dem 1. Januar 2010 wieder auf der Verbotsliste der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Auch Koffein war schon mal auf der Liste, dann wieder nicht. Für anderes wie zum Beispiel Ephedrin oder Cannabis gilt eine Toleranzgrenze. Das heisst, Sportler dürfen kiffen, aber nicht vor dem Wettkampf. Für Nikethamid hingegen gibt es keinen Grenzwert. Sprich: Jeder Nachweis gilt als Dopingbefund.

Immer wieder unbeabsichtigtes Doping

Nikethamid sorgt immer wieder mal für unbeabsichtigte Dopingfälle: Prominentestes Opfer war im April 2004 die US-amerikanische 100-Meter Sprintweltmeisterin Torri Edwards. Auch sie beteuerte, dass sie die Substanz nicht absichtlich eingenommen habe, sondern von ihrem Betreuer eine in den USA unbekannte Glukosetablette erhalten habe, die offenbar Spuren der Substanz enthalten hatten. Darum wurde ein Jahr später die Dopingsperre von 24 auf 15 Monate reduziert.

Doch auch unabsichtliches Doping hat Sperren zur Folge. Im Fall von Kariem Hussein sind es neun Monate. «Damit ist er eher glimpflich davongekommen», meint Ernst König, der Direktor von Antidoping Schweiz. Die Untersuchungsbehörde von Antidoping Schweiz hatte zwölf Monate beantragt.

So oder so bedeutet die Affäre für die Betroffenen einen enormen Reputationsschaden. Und sie schadet dem Sport insgesamt, weil echte Doper und unabsichtliche Doper in einen Topf geworfen werden. Darum plädiert Mathias Kamber, der ehemalige Direktor von Antidoping Schweiz, dafür, dass man die Dopingliste «mal ausmisten sollte».

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